Aufräumarbeiten nach einem Kartoffelgericht
Veröffentlicht Mai 20, 2012 Raketengerede Hinterlasse einen KommentarHorst Auwela ist ein sehr sonniger Typ. Einer, der die Fördertürme im Ruhrgebiet noch hat fallen sehen.
“Gelernt, ist gelernt. – Datt kann einem keiner mehr nehmen.”
Auf seine Art ist Horst Auwela ein Alltagsphilosoph. Viel redet er nicht.
“Warum auch. Aber manchmal muß man. Da kommt es aufs Verstehen an. Aber wem sag ich das. Und zuhören, das ist eine Begabung.”
Es gibt so komische Sachen, und dann gibt es eben die tragischen Momente. Ganz unvermittelt, aus heiterem Himmel. Da sind schon klügere Köpfe drauf gekommen, daß sie manchmal nicht so weit auseinanderliegen. Entscheidet dann die Sichtweise, ob das Leben eher ein Unfall ist oder was anderes. Bleibt uns gemeinsam, sich im Dasein entweder ganz schön strecken zu müssen oder zu wollen. So Allgemeinplätze sind super endgeil. Im Moment höre ich immer dieses eine Lied von David Crosby & Graham Nash. Sehr beweglich, sehr beschwingt – und wenn die Zwei ihre Stimme gemeinsam erklingen lassen – munter und tröstlich. Dann ist das Leben kein Unfall, eher das andere: Zufall?
Es ist doch etwas übrig geblieben, ein heiteres Dokument. Das sollte es auch. Heute flog ich so hoch, in Gebiete, die vorher nie besucht wurden. Und da muß ich leichten Herzens einen Mann erwähnen, den mir Jonny Nederland empfohlen hat, einen fleißigen Arbeiter namens Horst Auwela. Er stellt keine Fragen, blickt nicht zurück noch vor. Er rührt in der Farbe, schwebt einen Meter über dem Boden und beginnt mit der Renovierung der Rakete. Während der Arbeit stöhnt er aus den Tiefen seiner Eingeweide. Er weißelt eine Wand und eine Decke. Er stellt sich der Gegenwart.
Das letzte Spiel im Achtelfinale. Die Jungs von der Insel warteten auf uns. Rauhbeinige Kleiderschränke, eckig, mit vernarbten Visagen und großflächigen Tätowierungen. Die Recklinghausen hatte unsere Verteidigungslinie im Training auf Langes Bein hin trainiert. Aber es war aussichtslos. Vor dem Anpfiff hatte Kiffer sich noch mit einer Zigarette gedopt.
“Oh Odin, denen kannst du erstmal nur metaphysisch beikommen.”
Golddachs, der Co-Trainer, hatte in seine Notizblöcke 320 Meter notiert. Das Laufpensum für Kapitän Kiffer.
“Alles so schön grün hier”, begrüßte er Schiedsrichter Tomasso aus Italien, “und ein Supersound rundum. Stereo, wo du auch stehst.”
In der Anpfangsphase lief also alles wie verabredet. Stan Zadangos sehenswerte Dribblings konnte die Söldnertruppe nicht wirklich aufhalten. Leicht wie ein Schmetterling flog er über den Platz und verzückte durch einige Haken das ausverkaufte Stadion. Es dauerte bis zur 14. Minuten, als aus einer Standardsituation eine gefährliche Bogenlampe auf Jonny Nederland zukam. Doch gerettet in letzter Sekunde. Noch vor der Halbzeit erzielte Willi Wau den Führungstreffer, weil die gesamte Hintermannschaft der Inselmänner pennte. Rasta Kamel erkämpfte sich den Ball im Mittelfeld, spielte schnell auf Siggi Drinn, der faßte sich ein Herz, bediente Stan mit einem flachen Kurzpaßkonter, da ertönte der Pfiff des Schiedsrichters, Halbzeit. Mit dem Abpfiff hieß das Ergebnis 5 : 0 für uns. Die Tore: Zadango (46. Min. und 55. Min.), Kiffer nach einem Sprint über 45 Meter in der 67. Min und Kurti Heck nach einem Eckball von links in der 77. Min. Praktisch war mit diesem Treffer alles gelaufen.
Mit hängenden Köpfen standen die Muskelpakete wie gelähmt umeinander.
Das zweite Spiel der Vorrunde gegen Mechiko, eine Abwehrschlacht von unserer Seite. Wie die Stiere rannten Toledo, Rosario, Reginaldo, Sanchez, Moskito und Martinez auf unsere Verteidigung los, ohne Verstand, bald kopflos. Bis zur 85. Minute, da sank die Resignation in ihre Knochen. Kiffer Kamel war in diesem Spiel insgesamt unglaubliche 350 Meter gelaufen. Er setzte in der 84. Min. zu einem Sprint über 4 Meter an, zirkelte den Ball mit dem Außenrist auf seinen Bruder Rasta Kamel, der auf diesen Befreiungsschlag gewartet hatte. Mit einem Lupfer überlistete er Torwart Cantate. Volley landet der Ball im Netz.
Jonny Nederland hängte sich vor Freude an der Latte seines Tores auf. Die gesamte mit gelb vorbestrafte Hintermannschaft sank ins grüne Gras. Schiedsrichter Wuateng schien vom Mars zu kommen. Er verhängte Gelbe Karten am Laufenden Band, an unsere Leute, weil sie ab und zu in den Nacken hacken, wie seinerzeit der Weltkeeper Oliver Ruder-Boot. Und Langes Bein, das war glatter Unsinn, wenn man unsere kurzbeinigen Terrier mal live erlebt hat, Kurti Hack und Werner Pick, Heck, Tock und Struck. Selbst wenn sie ihre Haxen ausfahren bis Maximum, niemals formte sich daraus ein Langes Bein. Davon kann keine Rede sein.
Kiffer Kamel ließ sich auf Meter 320 im Straufraum fallen, der Schwalbenkönig. Mit Wucht und Vehemenz landete der Elfer durch Willi Wau in den Maschen. In der 89. Min. Die letzten 30 Meter auf dem Konto von Kiffer war dann der Abgang in die Umkleidekabine. Die Recklinghausen war zufrieden. Vor dem Stadion versammelten sich die ganzen MTV-Girls, schick in Hot-Pants, mit bunten Haaren und sangen: Sexy, we are the Hot-Girls. Rasta und Kiffer Kamel mit Bienenwachs im Haar, sie tanzten mit den MTV-Girls. Jetzt ist es nicht mehr weit zum Achtelfinale.
Wir sind wieder im Lande. Das Team um Jonny Nederland ist respektabler Zweiter. Der Siegtreffer der Iberer, nicht zu halten, sagt er, eine Granate.
Torhüter Nederland steht jetzt dicht neben mir und wuchtet einen Fußball über das dreistöckige Wohnhaus 700 km weiter Richtung Mülheim-Styrum. “Dann muß ich die Pille nicht mitschleppen.”
Südafrika war für uns alle ein Riesensache. Von Anfang an. Das erste Spiel gegen die Uhus war eine Schinderei. 90 Minuten schafften es die Uhus nicht, die Mittelfeldlinie zu überqueren. Sie mauerten, was der Zement hergab. Rechtzeitig vor dem Abpfiff, in der 88. Minuten, gelang dem wieselflinken Stan Zadango der Siegtreffer zum 1 : 0. Unbemerkt hatte er sich auf den Weg gemacht und Rasta Kamel mit der Hand ein unsichtbares Zeichen gegeben. Vorausgegangen war ein hörbarer Kopfballknaller vom schlaksigen Siggi Drinn in der 37. Min. Der Ball sprang von der Querlatte zurück ins Feld, doch kam der gegenerische Verteidiger Gomez um einen Fuß zu spät. Der Nachschuß von Stan landete in der Mütze des fast unbezwingbaren Torhüters der Uhus, Ramirez. Das war ein Auftakt nach Maß. Die Antwort waren wütende Angriffe der Elf von der Tullus alpha 11 gegen das Bollwerk der elf Uhus, die das Unentschieden über die Zeit zu retten versuchten. In der 58. Min sah es so aus, als könnte das gelingen. Die Abwehrreihe vor Jonny Nederland war bis zu diesem Zeitpunkt und noch bis zum Abpfiff beschäftigungslos.
Mit frischem Enthusiasmus ging es dann ins Quartier. Reporter aller Coloeur waren nicht zugelassen. Leidige Pressekonferenzen passé. Die Berichterstattung untersagt. Den lauernden Journalisten jedes Interview verweigert. Eine Stunde nach Dienstschluß lag die gesamte Mannschaft neben ihren Ehepartnern im Bett. Unser Trainer Karin Recklinghausen und ihr Co Tasso “Golddachs” Dorato, viel zu überlegen gab es nicht mehr an diesem Abend. Wie sagt der Fußballverrückte Chris Kurbjuhn: “Nach dem Spiel, ist vor dem Spiel.” Und wir waren schließlich nur mit elf Mann angereist.
Noch nicht lange her, im Trainingslager in Hellabrunn, da war Jamuna Toni in so guter Form. Seine Beinchen machten uns Sorgen, deshalb wollten wir ihn für Südafrika schonen. Aber er sollte natürlich mit, ins Land seiner Vorfahren. Am 14.6. ist er verstorben. Pass auf Dich auf, Kleiner.
Ein Geheimnis wird gelüftet
Das Tagebuch ist das geheimste aller Geheimnisse. Was darin niederge-schrieben wird, das geht niemand und die ganze Welt nichts an. Da herrscht ein stilles Abkommen zwischen dem Tagebuchschreiber, dem Schreibgerät und dem Notizbuch. Es findet seinen festen Platz im Leben und wartet an einem sicheren Ort. Gott bewahre, möge es jemand finden.
Und wem das Festhalten der Tagesereignisse, die Niederschrift der Gefühle und Gedanken zu einer wertvollen Hilfe geworden ist, der schafft sich nicht selten ein Ritual. Da hat man sich an einem grauen Montagmorgen einen besonderen Füllfederhalter zugelegt, einen Kolbenfüller, ein Tintenfaß. Die ew’ge Freundschaft wird versprochen. Dann muß es ein gutes Papier sein, ein Notizbuch, das was aushält. Es muß robust sein und stark die Seiten – wer weiß, vielleicht Menschheitsfragen; die Stromnebenkosten, das Haushaltsgeld, die Monatsrechnung. “Warum am Ende des Geldes noch soviel Monat”, notiert man kopfschüttelnd bei einer starken Tasse Kaffee.
Schreibt man mit hastiger Hand, im Geiste aufgebracht; mit leichter Feder, beschwingt und voller Glück; müde und abgearbeitet, mit Grippe und schmerzenden Knochen. Das Tagebuch weiß das. Liest man darin, tauchen die vergangenen Ereignisse nochmals auf; entstehen Bilder, als blättere man in einem Fotoalbum; bekommen Gesichter Konturen, die schon lange vergessen. Ein Tagebuch zu führen, ist ein Abenteuer durch das eigene Leben. Ob das nun langweilig ist oder aufregend, traurig oder heiter, erfolgreich oder voller Niederlagen, das steht alles in diesem geduldigen Notizbuch. Der Himmel beschütze mich, sollte es jemand finden.


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