Archiv für Dezember 2007

Begegnungen

Ich dachte über die Worte des Unbekannten nach. Er sagte: „Die Welt sei komisch.“

Worauf ich erwiderte: „Sie sagen die Welt ist komisch?“

Ich war zu Fuß unterwegs, es war schon spät, es war 23 Uhr. Der Mann begegnete mir um 23 Uhr, Samstagabend. Er sei wütend, das waren seine Worte. Im Laufe des Gesprächs ergab sich auch der Grund für sein Wütendsein, er war an diesem Abend von mehreren Personen unhöflich angesprochen worden. Er habe auf einer Feier aushilfsweise bedient, er, der Sprachen studiert habe, sei auf diesen Verdienst als Kellner angewiesen. Er sei mehrfach von Seiten der Gäste angeraunzt worden, und gerade an diesem Abend habe er sich in einer wankelmütigen Position befunden, und nun trage er sich mit dem Welthader zu einem Freund, für den er von dieser Feierlichkeit eine Kleinigkeit Eßbares mitbringen würde. Aus seiner Jackentasche holte er eine zusätzliche Flasche Bier hervor.

„Heute abend bin ich wütend.“

Ich war es an diesem Abend nicht. Mein Zustand war gut, so daß ich dem Mann ein paar Minuten meiner Zeit schenken konnte. Er fragte mich, was ich von Beruf sei. Ich antwortete ihm, ich sei Schriftsteller. Und er fragte, ob ich davon leben könne. Ich antwortete ihm, daß ich lebe. Und ob ich ihm meine Telefonnummer geben wolle. Und ich antwortete, vielleicht sprechen wir uns wieder einmal zufällig, und er reichte mir zum Abschied die Hand.

Etwas später stand ich so da, auf einem Bahnsteig. Ein Mann drückte auf den Sensor der S-Bahn-Tür, aber die Tür blieb verschlossen. Die Bahn stand drei Minuten an der Station, der Mann versuchte es wieder und wieder, aber die Tür ließ sich nicht öffnen. Es war dies um ca. 23.35 Uhr, dann setzte sich der Zug, den Mann stehen lassend, in Bewegung.

„Die Welt ist nicht nur komisch,“ dachte ich. Auch dieser Mann war an diesem Abend wütend.

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Aussichten

Noch immer keine Worte. Ich mag auch keine Worte hören. Es sei denn, es sei denn, beruhigende, welche, die mich zuversichtlicher stimmen. Jedenfalls nicht solche, die verstören. Ja, die tiefer noch verunsichern. Der ich wieder stumm, nicht mächtig genug, das auszudrücken, was mein Herz spricht, nicht stark im Moment, den geäußerten Bedenken entgegenzutreten, so sehr würde ein Blick, eine Umarmung, ein Kuß mich wieder lebendig machen.

Logbuch/RR/II

Die Weihnachtsfeiertage im Weltraum – einen Tannenbaum haben wir da nicht hergekriegt. Wir haben uns zurückgezogen in unsere Gemächer und an die gedacht, die wir lieben. Giovanni hat am Heiligabend ziemlich elegant auf seiner Hanika 54 PF einen zum Besten gegeben. So Sachen eben. Es gab Zwieback mit Imker-Honig in warmer H-Milch und anschließend ist Achim auf seinem Weltraumgleiter durch die Karpaten.

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Giovanni beschäftigt sich mit der Illustration von  Baby your Blues. Er ist da ganz in seinem Element.

„Was man mit Photoshop alles machen kann! Ja, Wahnsinn.“

Er ist ein narrischer Kerl. Püttmann auch. Mit seiner Canon IXUS 70 schießt er in einem einen Digitalfilm nach dem anderen durch. „Bilder von der Erde“ ist sein Arbeitstitel. Aus einer unvorstellbaren  Entfernung hat er Zemans Schusterstube aufgenommen. Giovanni bearbeitet die Fotos, so hat jeder genug zu tun und ist mit sich beschäftigt.

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Ich finde gerade Zeit, die notwendigen Eintragungen ins Logbuch zu machen. Vom 31. Dezember auf den 1. Januar, Punkt Mitternacht, werden wir am Firmament ein ordentliches Feuerwerk abfackeln. Es wird weithin sichtbar sein. Die Vorbereitungen laufen. Auch allerhand bunte Luftballons. Wir hoffen, daß Sie nichts vermissen werden.  

„Nun, im Weltraum unterwegs zu sein, bedeutet kein Zuckerschlecken, auch kein auf Rosengebettet.“ Das habe ich den Jungs gesteckt. So unterschiedlich beide sind, so wunderbar ergänzen sie sich. 

Ich muß mich jetzt um meine Instrumente kümmern. Gaspedal. Kupplung. Vergaser. Es gibt immer was zu tun. So long.

Logbuch/RR/I

Das Oberdeck der TA 11:

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Telefon

„Vermutlich wieder Deschön, will wieder Bombenstimmung verbreiten. Gott, ist der lästig mit seiner guten Laune. „

„Es ist überhaupt sehr viel Geschwätz in der Welt.“

„Mehr als genug.“

„Giovanni, gehst du ran?“

„Man möge mir verzeihen, heute nicht.“

„Man kann ihm kaum Einhalt gebieten. Er ist immer in so einer Jubelstimmung.“

„Die man ihm nicht verbieten kann, leider. In einem Fußballstadion macht er Stimmung für die gesamte Südkurve.“

„Gleichgültig, welche Mannschaft die Kugel gerade über das Feld treibt.“

„So ist es. Geht denn einer ran, ans Telefon.“

„Ich jetzt nicht.“

Anruf von Mutter Erde

„Hallo? Hallo!!“

„Ja, Grüß Gott, hier Tullus alpha 11. Mein Name ist Giovanni. Was kann ich für sie tun“

„Jaaa, Hallo. Hallo, Hallo. Hier spricht Deschön, von der Stiftung Motivation Zukunft 2008. Herr Giovanni, ich hatte mit ihrer ehemaligen Sakramentärin gesprochen, Loreine Nice. Eine patente Frau, unglaublich viel Power. Ich erfahre gerade von ihr, daß sie und Robert Ragun und der Fotoreporter Püttmann das Weltall durchkämmen. Mein Gott, was für eine große Tat. Sie sind für alle die, die dieses Jahr den Arsch nicht hochgekriegt haben, ein strahlendes Vorbild. Ihr Drei seid Ausnahmeerscheinungen. Leute, die ihr Schicksal in die Hand nehmen. Menschen, denen es gleichgültig ist, was andere über sie denken. Sie sind, wie mir Loreine Nice, übrigens eine kraftvolle Frau mit Esprit, gebeichtet hat, von verschiedenen Seiten hart angegangen worden.“

„Giovanni, was will er denn?“

„Kein Ahnung, Robert. Er läuft sich gerade wieder warm.“

„Wir bringen ihm einen Orden mit. Den Sternschuppen-Orden.“

„Giovanni? Giovanni? Ist Robert Ragun in ihrer Nähe? Bestellen sie ihm bitte einen schönen Gruß. Giovanni, wie sieht’s bei Euch da droben so aus? Sieht’s da wirklich so anders aus, wie man sich das vorstellt? Íst Püttmann bei ihnen in der Nähe. Loreine erzählte, er sei ein unzugänglicher, rüpelhafter und patziger Zeitgenosse. Ein fauler Sack, ein dummer Hund, ein fieser Möp. Kann ich ihn sprechen? Ich würde ihm gern ein paar Fragen stellen. Wie das damals alles anfing. Das ware ja Zeiten, wo wir alle in der Scheiße gelegen sind. Ich im Krieg, und er in den Windeln. Dennoch, was hat ihn zu dem  gemacht, der er heute ist. Die Menschen fragen sich, wie kommt jemand dazu, seine bequeme Position von Heute auf Morgen aufzugeben, um sich dem Abenteuer einer Weltraumerkundung anzuschließen.“

„Was will er denn?“

„Komm, Püttmann, geh mal ran. Sprich mit ihm ein paar Worte. Er ist ja völlig aufgeregt und hibbelig.“

„Püttmann? Püttmann? Ist die Luft dort oben dünn? Wie geht es ihnen. Können sie schon Fotos präsentieren, die unseren Wissenschaftlern weitere Auskünfte über die Zusammensetzung des Alls geben können? Wir kennen ja diese Bilder, wo neben der Dunkelheit ja auch die Schwerelosigkeit ein Thema ist. Die Motivation, mit dem verarmten Herausgeber Giovanni Impermeabile und dem erdscheuen Robert Ragun ins Weltall zu donnern, hat das einen bestimmten, wo setzen…..?“

„Deschön, wir kommen jetzt in ein Funkloch. Schalten sie bitte auf W-LAN-Kabel-Verbindung um, hören sie.“

„Ja. Jaja, alles klar. Motivation 2008, meine Damen und Herrn, für sie im Weltall. Täglich berichten wir über die mutigen Männer in der Tullus alpha 11. Wir erfahren etwas über Kindheit und wenn wir es geschickt anstellen, vielleicht auch das ein oder andere pikante Detail erster Koituserfahrung. Ich muß umschalten auf W-LAN-Kabel. Kindheit und Koituserfahrung, das muß ich mir merken.“

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„TA 11, bitte kommen. Tullus alpha 11. Hören sie mich?“

Der Schlüssel zum Erfolg

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Welcher ist es denn nun?

Heteros im All

„Ja, was meinst du denn jetzt?“

„Ja. Was?“

(Pause)

„Was du meinst? Was wir machen?“

„Soll ich mir Strapse anziehn?“

(Pause)

„Hast du denn welche?“

„Ja, bin ich denn jetzt deine schwule Muse?“

Meine Herrschaften

Ein weites Feld, dieser Weltraum. Unfassbare Dimensionen nach Oben nach Unten zur Seite. Die Schwerelosigkeit, die auf der Erde durch komplizierte Verfahren simuliert wird, ist real in dieser faszinierenden Unendlichkeit des Universums.

Der Aufenthalt in Robert Raguns Rakete, der Tullus alpha 11, das aus einem Stück Eichenstamm zurecht gehauene knarrzende Ungetüm, ist der zur Zeit sicherste und angenehmste Platz im noch unüberschaubaren Milchstraßensystem. Wir schreiben das Jahr 2007. Bald ist Weihnachten. Der Jupiter ist vollkommen mit Lametta behangen, glitzernd und andächtig hängt er in der luftleeren Dimension. Gespannt gleiten wir auf Kosten Giovannis durch diese dezentrale zeitlose Zeitzonenarithmetik, stantepede auf etwas kreisrundes zu, etwas gräuliches, kreisrund gräuliches. Wir nähern uns dem kriegerischen Stern Capitalism, auf dem die Einwohner nach Liebe, Geld und Macht und Arbeit gieren und sich die Augen auskratzen, die Köpfe einschlagen, die Herzen erdolchen, die Seelen erniedrigen. Und fiese Dinge sich ins Gesicht sagen.

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Die Weltuhr zeigt bereits 21 nach 12 Uhr.

Verwunderung

Sie staunte, als ich sehr frei und ohne Scham bekannte: „Ich liebe dich.“ Diese drei Worte schien sie seit langem nicht gehört zu haben. Bisher wohl auch nicht von mir.

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