Archiv für Januar 2008

Ein Schritt vorwärts

Muß ich jetzt gucken, wie ich das hinkriege. Ich hab mir eine Flasche Apfelsaft und zwei Mineralwasser gekauft, wegen der Vitamine. Und vorher aber zwei Tassen Kaffee getrunken. Ich kann jetzt nur hoffen, daß ich mir selbst noch hinterher komme, denn der heutige Tag, von frühmorgens bis termingerecht 19.37 Uhr, war ereignisreich, ja aufregend, obwohl ich mittlerweile vieles recht stoisch und überzeugt angehe, gefühlsmäßig da ein wenig zurückschraube.

Vorher noch aß ich ein Stück alten Gouda und ein hartgekochtes Ei, nun bin ich auf Sendung: W-LAN-Kabel 104,5 MegaHertz. An der Kasse vom Supermarkt sah ich ein Glas Gemüsebrühe, und ich fragte die Kassiererin: „Die ist doch für einen Mann recht einfach zuzubereiten.“ Und sie sprach vom Elektrolytverlust, und deswegen habe ich ein Glas mitgenommen und ist sogar Bio. Also jetzt komme ich mal zur Sache. Um viertel nach sechs bin ich hoch. Tee, Ei, Brot; duschen, rasieren. Rasieren war mir heute wichtig. Sehr wichtig. Ich wollte heute gut aussehen. Ich legte mir ein warmes Handtuch aufs Gesicht, schlug mit dem Bock-Silberspitz Rasiercreme im Mug auf. Massierte etwas Alt Innsbruck in die Haut, stampfte und rührte mir einen sahnigen festen Schaum zurecht, verteilte ihn im Gesicht und packte mit meinem Merkur Futur eine phantastische und sanfte Rasur. Ich war ziemlich gelassen.

Um 8.30 Uhr verließ ich das Haus Richtung S-Bahn. Ein Fußweg von 15 Minuten. Ich fuhr in die Stadt, stieg am Hauptbahnhof aus, lief die Sonnenstraße Richtung Sendlinger Tor, dann zwei Stockwerke auf Nr. 29 hinauf. Die Dame am Empfang bat mich im Warteraum einen kurzen Moment Platz zu nehmen. Es saßen oder standen bereits einige Damen und Herren dort, es wurden immer mehr und zuletzt saßen 26 Leute in dieser vom Bundesministerium für Arbeit und der Agentur für Arbeit initiierten Maßnahme,  Ü 50. Sechs Damen vom Arbeitsamt stellten sich den Ausgesonderten vor. Auch wir stellten uns vor mit Namen und Beruf, und ich sagte irgendetwas und das man ja schließlich müsse usw. Erstaunlich, ich war mir in diesem Moment nicht sehr wichtig, und einigen der Männer war es wie mir ergangen, sie hatten zuerst den Arbeitsplatz verloren, ihre Selbstständigkeit aufgegeben, Insolvenz angemeldet, dann ist ihnen die Frau weg, jetzt stehen sie da, allein, und allen geht es ziemlich hart rein, Schulden, Pfändung, Schicksale. Es waren ein paar ziemlich hochqualifizierte Leute darunter, seit über einem Jahr arbeitslos, jetzt Hartz IV-Bezieher. Auf ihre Bewerbungen erhielten sie größtenteils keine Antworten, und selbst die Zeitarbeitsfirmen hätten sie nirgens vermitteln können. Rosige Aussichten.

Um 10.15 Uhr lief ich zum Metzger in der Sendlinger Straße, eine halbe Stunde Pause, aß einen Teller Bohnensuppe mit Wiener und ein Hühnerbein. Es war die erste warme und gute Mahlzeit seit ein paar Tagen. Das Blut im Schädel senkte sich ab. Ich nahm den Straßenlärm plötzlich undeutlich und entfernt nur noch wahr. Meine Augen stellten sich aufgrund der warmen Mahlzeit auf halbacht. Dann ging ich zurück, verabredete einen Termin zur weiteren Beratung und Unterstützung. Die Veranstaltung war nach knapp 1,5 Stunden durch. Ich lief dann zum Viktualienmarkt, ich trank zwei Tassen Kaffee und aß ein Stück Pflaumenkuchen bei Karnoll am Stehtischchen. Dann lief ich herum. Mein nächster Termin würde erst um 14 Uhr sein. Ich hatte noch reichlich Zeit, nach Hause fahren machte keinen Sinn. Ich lief über den Viktualienmarkt, blieb bei Kamm-Weninger stehen und schaute mir die Thäter-Rasierpinsel an. Sie sind einfach nur schön, handgefertigt, buschig und die Köpfe rund und die Fahnen gleichmäßig. Ich überlegte kurz, ob ich 154 Euro locker machen sollte, um einen solchen Dachshaarpinsel zu kaufen.

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Wir sind nicht dazu gekommen, unser erotisches Vorhaben wahr zu machen, Miss Honeyka und ich. Uns nackt in der Badewanne mit Rasierschaum einzupinseln. Nein, sagte sie, ein andermal, wenn ich sie auf ihr Versprechen aufmerksam machte. Ich kaufte keinen Pinsel. Ich lief über Marienplatz die Kaufinger Straße Richtung Stachus, und weil ich immer noch Zeit hatte, ging ich zu Musik Lindbergh-Hieber und spielte dort auf ein paar Gitarren. Eine Ovation hatte es mir angetan. Ich überlegte, ob ich sie mir kaufen sollte, 599 Euro. Dann ging ich weiter und setzte mich in die U 1 und fuhr bis Candidplatz. Ich hatte um 14 Uhr einen Castingtermin für einen Werbefilm. Die Produktion solle eine Woche dauern. Ich hatte noch Zeit, aber ich hatte vergessen die Hausnummer zu notieren. Ich lief die Konradinstraße ab, fand aber kein Schild an den Häusern, das auf eine Castingsagentur hinwies. Ich versuchte die Künstleragenur zu erreichen, deren Nummer in meinem Handy gespeichert ist, aber ich erreichte niemanden mehr. Ich rief Miss Honeyka in ihrem Büro an, sie hatte sich diese Woche melden wollen, aber es denn doch unterlassen. Ich habe begriffen. Ich rief sie an, sie suchte nach der Hausnummer.

Es war noch eine gute Stunde Zeit, also setzt ich mich in eine Bäckerei, trank noch einen Kaffee und ein Mineralwasser und machte Notizen. Einfach nur so, um die Zeit totzukriegen. Ein Paar setzte sich an meinen Tisch, es war der einzige Tisch in der Bäckerei, Ecke Hans-Mielich-/ Konradinstraße, und gleichzeitig war sie noch Postfilialpartner. Das ist alles sehr langweilig. Das Paar unterhielt sich, sie in einem schwarzen Pelzmantel, er im dunklen Anzug mit Weste, über Alarmanlagen. Dann ging ich die paar Meter zur Castingagentur, füllte einen Bogen mit meinen persönlichen Daten aus, ein junge Frau nahm meine Maße: Hals 40 cm, Brust 101 cm, Taille 85/92 cm, Hüfte 103 cm, Kopf 59, Arm 64, Beinseitenlänge 118. Hoffentlich auch ein klitzkleinwenig: sexy. Irgendein Schauspieler versuchte sich vorzudrängen und sprach auf mich ein. Ich schaute ihn an, zuckte mit den Schultern und sagte: „Er sei dann wohl nach mir dran.“ Ein kleinkariertes Volk. Der Fotograf Tim machte einige Aufanhmen. Estrell nahm zwei kleine Szene mit einer Videokamera auf. Dann lächelte ich mein strahlenstes Gesicht mit den Augen. Ich danke.

Dann nach Hause. In der U-Bahnstation plötzlich wieder eine leichte Panik, endogene Depression, aus heiterem Himmel, ich kenne das. Die Psychiater und Psychologen hielten mich für einen schweren Fall, ausgeprägte depressiv narzistische Neurose, aggressionsgehemmt. Ich hab was dran getan. Es ist besser, ich laß den Bär mal von der Kette, als daß ich alles in mich reinschlucke. Das kommt zwar nicht gut an, aber ich will einfach nicht nachtragend sein. Es ist besser, ich sage, wenn etwas für mich nicht stimmt. Wahrscheinlich ist es schwierig mit mir.

Ich mußte nach Hause, ich war ein wenig müde geworden von der Tablette, die ich am Morgen gegen die Rückenschmerzen habe eingenommen. Ich rief Miss Honeyka an wegen der Unterstützung, ich bedankte mich. Sie fragte, wie es gelaufen sei, aber die Verbindung war schlecht, sie sagte, sie rufe morgen vom Büro aus an. Ich schickte ihr eine SMS, daß ich morgen den ganzen Tag unterwegs sei. Das stimmt zwar nicht, aber was soll ich sagen? Ich weiß nun einfach nichts mehr zu sagen. Ich werde mir weiterhin Mühe geben. Ich werde Geschichten erzählen. Musik machen. Bewerbungen schreiben. Da und dort nachfragen, was so geht. Fotos schießen. Texte auswendig lernen. Und irgendwann stehe ich auf dem Broadway, oder in Wien. Mit einem Thäter-Pinsel im Gepäck. Und werde sagen: „Das Leben ist schön.“ Und das ist es auch. Manchmal kommt es einem nur nicht so vor… Ein Stück Glück Euch allen.

Ein langer Kuß

Es war Giovanni, der aus heiterm Himmel ein wenig zu schmunzeln anfing, völlig grundlos auf den ersten Blick. Er saß da, schüttelte sich ein wenig nach rechts und links, hingegen seine Augen vor Freude, ja, lachten. Giovanni, das sah ich jetzt, besitzt lachende Augen. Er sagte, er habe sich sehr viele Sorgen gemacht, und längst seien die Schwierigkeiten auch nicht gelöst, sie haben dieselbe Schwere wie Tage, Wochen, Monate vorher. Aber er gestatte sich jetzt einfach mal zu Schmunzeln. Und wenn man ihm nun auch ansah, daß er in sich gegangen war, ganz mild sein Blick sich dennoch auf uns richtete, in Freundschaft und Liebe, ganz sanft seine Augen lächelten. Er sei im Moment voller Musik, es sind die Klänge aus Ravels Ma mere l’Oye, die ihn leicht stimmen. Einem ganz ruhigen Gehen und Schauen in einer unbekannten Landschaft zu vergleichen. Eine warme Sommerluft am frühen Morgen an der See, sehr frisch und sehr würzig und weicher feiner Sand zwischen den Zehen. Und von Fern ruft sie: „Giovanni.“ Er hört sie gleich beim ersten mal, und sie kommt auf ihn zugelaufen, und er geht ihr entgegen, um mit lachenden frohen Augen sie zu begüßen, während sie ein wenig an Tempo gewinnt, sieht er ihre Haare im Wind wie Gräser schaukeln und er hört sich selber aufgeregt rufen: „Du bist schon auf, mein Liebe.“ Und er hört sie wieder rufen: „Giovanni.“ Während er: „Ja, hier bin ich. Ich bin da“, ihr durch den weichen Sand entgegen geht. Und sie streicht ihm durchs Haar. Nimmt ihn an der Hand. Küßt ihn sehr schnell auf Mund und Stirn. Weich legt sich seine Hand um sie. Sie bewegt ein wenig den Kopf und dann küßt er sie, ein langer Kuß, ein zärtlicher Kuß, ein klarer Morgenkuß.

„Ein langer Kuß, darüber mußte ich schmunzeln“, sagte Giovanni. „Ein langer Kuß. Ein langer zärtlicher klarer Morgenkuß.“

Und dann stand er auf und ging ihr entgegen: „Ja, hier bin ich. Ich bin da.“

„Unvorbereitet, wie ich mich habe…“

j-von-manger.jpgVielleicht erinnert sich noch jemand an Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier, einem recht harmlos aussehenden Mann, immer mit ner Mütze auf’m Kopp, Schnauzbart und fast gemütlich. Geboren wurde er 1923 in Koblenz. Von dort ging es 1933 ins westfälische Hagen, der Vater hatte eine Stelle als Erster Staatsanwalt des Landgerichts angenommen. Er erhält Rollen am hiesigen Stadttheater, den Pylades in Goethes „Iphigenie auf Tauris“, spielt den Graf von Kent in „Maria Stuart“. Eigentlich wollte er Richter werden, aber er fand auch die Theaterspielerei schön. In dem von Peter Schütze und Mirjam von Janko  herausgegebenen Buch „Dat soll mir erst mal einer nachmachen“, im Klartext-Verlag erschienen, leider nicht mehr erhältlich, konnte ich mich schön schlaumachen, was es denn mit diesem ungewöhnlichen Mann auf sich hat.

Ich bin wieder auf Jürgen von Manger gekommen, weil man im Fernsehen ja viele Comedians sieht, die sich über diesen Ruhrgebietsdialekt definieren und weil ich selbst aus dieser Region stamme, mittlerweile aber die Hälfte meiner Lebenszeit in Bayern verbracht habe, und gelegentlich in die alte Heimat schiele. Einzig wirklich überzeugend eigentlich nur Helge Schneider. Ich bin, was die Humoristen aus dieser Region angeht, nicht auf dem Laufenden. Deshalb steht es mir auch nicht zu, deren Schaffen zu beurteilen.

Neben seiner Arbeit als Schauspieler studiert von Manger die Juristerei. Dem Schauspielerberuf ein wenig mißtrauend, ein zweites Standbein zur Absicherung. Er macht Werbung für Bauelemente und Schweinefleisch, für Waschmittel und Bier, für Bratfett und Unfallverhütung. Bekannt wurde Adolf Tegtmeier durchs Radio. Der NDR III sendete in der Silvesternacht 61/62 „Der Schwiegermuttermörder“, Mangers erstes Solo.

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Auch mehr einem Zufall habe ich es zu verdanken, daß ich an das Büchlein „Bleibense Mensch“, Piper Verlag München, gekommen bin. Darin befinden sich einige der gestammelten Kleinodien des Hern Tegtmeier. Es geht darin um Oper und Theater, um Vereinsmeierei und Festredner, um Feines Benehmen und die Politik. Jürgen von Manger wird selbst als ein konservativer Mensch beschrieben. Er sammelte Kunstgegestände, legte Wert auf gediegene, modische Kleidung und sammelte Flakons feinsten Eau  de Colognes.

1952 heiratet er Ruth und bleibt ein Leben lang mit ihr zusammen. Sie führt ein Modegeschäft in Bochum, während er nach dem Silvesternachterfolg von Stadt zu Stadt unterwegs ist.

Ich finde, er war ein großer Komödiant. Zum 80. Geburtstag des 1994 verstorbenen Herrn Jürgen von Manger hat Roof Music/tacheles! eine 4 CD’s umfassende Box herausgebracht, sie heißt „Wunderbar“. Und wenn Sie sich z.B. „Tagespresse und Plurealismus“ oder „Olympia“ anhören, dann wissen Sie, was ich meine, wenn ich sage, ein großer Komödiant.

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„Ich weiß nicht, ob Kabarett viel bewirkt – ich habe da Zweifel. Aber vielleicht wirkt meine Art befreiend auf die Menschen; und gerade darum, weil ich mich mit ihnen identifiziere. Ich bin mein Publikum.“
„Der Aschtrologe, dem er Weltklasse zuerkennt, steht auf der Kirmes zwischen den Türkischen Honig und die eine Rollmopsbude.“ (Zitat: Peter Schütze)

Einuhrfünfundvierzig

Ich habe eindreiviertel Stunde geschlafen, es ist einuhrfünfundvierzig. Der halbe Mond scheint durchs Fenster, ich höre das leichte Kratzen der Uhr, ich spüre meinen Atem, mein Schwanz hat sich versteift und schmerzt. Ich bleibe noch einen Moment liegen, ich folge dem Kratzen und den Atem. Ich greife an meinen Schwanz, meine Sexualität bedrängt mich so sehr, daß ich aus dem Bett steige und auf den Balkon gehe, den Mond betrachte und die kalte frische Luft einatme. Ich versuche ruhig zu werden. Ich ziehe mir Hose und Pullover über, mische in den warmen Quark Sultanienen und Sonnenblumenkerne und Honig. Ich stelle den Quark nicht mehr in den Kühlschrank, weil Frau Nolte sagte, daß kalter Quark die Leber schädige. Ich trinke ein Glas Apfelssaft mit Mineralwasser. Etwas Vitamine müssen sein. Ohne Vitamine geht es nicht. Das Zucken der Muskeln in meiner Brust. Ich werde mich in ein paar Stunden rasieren, auf die Gemeinde gehen und endlich den Antrag auf Wohngeld stellen müssen. Ich werde zum Vermieter gehen, ihm die Formulare vorlegen, daß er die Mietkosten bestätigt. Die Heizkostenpauschale wurde um 10 Euro erhöht. Ich hätte den Antrag vor Wochen schon stellen müssen. Die Zeit rennt mir davon. Ich muß wieder gesund werden. Wenn man mir heute eine Arbeit anbieten würde, ich müßte ablehnen. Ich würde sagen: “Wissen sie, ich glaube, es geht nicht. Es sei denn, sie haben eine Arbeit, die sehr leicht ist, daß ich zwischendurch träumen darf.  Und wenn sie mir gestatten, meine Gitarre mitzubringen, die Töne sind heilsam. Außerdem fehlen mir noch noch fünf Takte zu meiner ersten spanischen Studie. Ich bekomme sie jeden Tag besser hin, ich darf jetzt nur nicht nachlassen.” Auf meinen DIN A 3 großen Bögen mit den Aufzeichnungen und den Zeichnungen finde ich meine eigene Telefonnummer wieder, die vom Festnetz. Mein Handy liegt auf einem dieser Bögen. Ich könnte mich auf dem Festnetz anrufen und mich fragen: “Hallo, wie geht’s?”
“Ich bin gerade aufgestanden.”

“Was gibt’s neues?”

“Weißt du, wer mich letzte Woche angerufen hat? Claudia Kurz. Weißt du, wir waren doch mal zusammen in einer Klasse. Bis zur neunten Hauptschulklasse. 1973 sind wir entlassen worden, danach ging ich dann zur Handesschule. Sie haben ein Klassetreffen vorgesehen, am 12.4. um 18 Uhr in der Gaststätte Wittkamp. Sie hat immer noch diesen etwas ordinären Zungenschlag von damals. Ich kann es nicht erklären, aber die Sprachfärbung der Menschen aus dem Ruhrgebiet ist mir nach so langer Zeit fremd, ja manchmal auch unangenehm. Bei meinen Familienmitgliedern ist das etwas anders. Sie reden, wie sie immer reden. Meinen Eltern scheinen sich zu verstehen, nach all den langen Ehejahren, fällt jetzt kein böses Wort mehr.”

“Wirst du dort hinfahren.”

“So wie aussieht nicht. Meine Situation ist leicht prekär. Unnötige Ausgaben kann ich mir nicht leisten. Aber es haben bereits einige zugesagt, Monet, Kandinsky, Beckmann, und auch Ulrike, die so eine hübsche Nase hatte und braunes dickes langes Haar. Ich hatte sie von der fünften bis zur neunten Klasse geliebt. Ich sah sie später vor dem Bekleidungsgeschäft Mensing auf der Straße stehen, sie machte dort eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Sie paßte auf die Kleidungsstücke auf, die auf den rollbaren Ständerteilen zum  Verkauf angeboten wurden. Ich bedauerte sie damals. Einmal lud ich sie zu Pommes frites und Cola ein. Mehr ist nicht mehr passiert. Obwohl ich sie sehr mochte. Ich bin nicht sehr geschickt im Umgang mit Frauen, ein wenig schüchtern damals. Und heute -.”

“Du solltest wieder schlafen gehen. Es ist zweiuhrsiebenunddreißig. Du hast morgen diese Wohngeldgeschichte am Hals.”

“Jaja. Ich mag da gar nicht hin. Es kommt mir vor, als wäre ich zu schwach , um Geld zu verdienen. Als würde das, was ich gelernt habe, nicht ausreichen, um in dieser Gesellschaft für meinen Lebensunterhalt zu sorgen. Aber ich mag nicht drüber nachdenken.”

“Geh ins Bett.”

“Ja.”

Gut, ja, sicher

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„Hören Sie, hier ist Deschön. Was ist denn da oben los? Verdammt, so üble Looser-Stories. Hören Sie mal, wir brauchen mehr Power. Positives. Ihr seid doch Power-Männer. Wissen Sie, wieviel Leute in Hessen gewählt haben? Knapp 64 % aller Wahlberechtigten. Wissen Sie, und vielleicht wissen Sie das nicht, aber in Hessen wohnen 100 % Wahlberechtigte. Jetzt frage ich Sie, was ist mit den 36 %, die ihr demokratisches Recht nicht mehr in Anspruch nehmen und nicht mals mehr zwischen mehreren großen und kleinen Übeln wählen wollen. Und diese Politiker, die feiern da noch einen Sieg dadraus. Ja, mei, wo san mir denn da? Und von Ihnen kommt da diese schwindelige Psychokiste. Weiber hin oder her, die Zukunft ist fraulich. Frauen-Power. Ihr Säcke laßt Euch da oben wohl den Schneid abkaufen. Es gibt nun mal zwei Geschlechter, und zum großen Unglück fahren sie zum überwiegenden Teil auch noch aufeinander ab. Aber ihr da oben, in eurem kreuzblöden Eichenstamm, was ist in euch gefahren. Ja, was glaubt ihr denn, hier auf der Erde gibt’s total nette Frauen, man muß sie nur finden. Aber was um alles in der Welt, wenn’s euch da oben nicht gefällt, was treibt ihr euch da rum und redet gänzlich dumm. In Monte Carlo, Jungs, Lachsschnittchen gibt’s dort und jeder Menge Power-Männer-Frauen. Schnelle Autos, heiße Kurven. Die neuesten Filme. Die besten Dinger. Alles vom Feinsten. Macht mal eine Zwischenlandung, genehmigt euch ein Schälchen Erdbeeren im Winter mit Sahne. Legt euch an die Cote d’Azur zwischen all die Copacabanagirls und zeigt denen mal, was es heißt: Power Power Power. Frische Baguette, knusprige Hühnerkeulen, schlanke Bodies, Tanzmusik und lange Abendkleider aus Chiffon. Kinders Kinders. Was glaubt ihr denn, wieviel Leute eure Heulerei hier lesen? Die neuesten Mediadaten sprechen von zwischen 10 bis 43 Lesern, und die letzte genannte Zahl, statistisch erfaßt, wenn’s draußen stürmt und schneit und hagelt und regnet und donnert und blitzt. Wie wollen wir die Kosten für eine solche Unternehmung reinholen. Schaut euch Schorschi an, immer volles Haus.

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Und bleibt mir mit eurem schwermütigen Kiergegath vom Hals. Wer soll das eigentlich sein? Lebt der noch? Vielleicht kann der ja mal was zu der ganzen Situation sagen. Schwebt der etwa auch bei euch rum. Holt ihn mal ans W-LAN-Kabel. Das er mal was sagt hier, für die Leute an der Cote d’Azur und für die Copacabanagirls in ihrem topmodischen Trägerkleidchen. Vielleicht interessiert er sich ja mal ein wenig für die Freuden des Lebens, ihr armen Willis.“

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Kiergegath ist hart.

Ich bin da

Zurück bleibt das dünne Gefühl, nichts erreicht zu haben. Und sei es eine unscheinbare winzige Kleinigkeit, etwas, das ein Leben lang Bestand hat. Und so wäre unser Leben groß und bedeutsam: Das war unser Ding, dafür haben wir gestritten, gekämpft und darüber haben wir so manche glückliche Stunde gehabt. Als ganz allmählich alles in Fluß kam, wie die anfänglichen Unsicherheiten abnahmen, allmählich ein Bild vor unseren Augen entstand und die Opfer, die ein jeder brachte, der unermeßliche Lohn zwischen uns in Vertrauen und Nähe und Zuversicht sich ausdrückte. Es ist gut und warm, dich an meiner Seite zu wissen. Du gibst mir Kraft und den Glauben an mich selbst. Ich hoffe, daß mein geringer Teil, den ich zu all dem beitragen konnte, dich entschädigt für den Verzicht auf manche bequemere Stunde. Ich danke dir.

„Wenn ich heute standhaft genug sein kann, richtig zu handeln und Zuschauer zu mißachten, dann muß ich früher schon so viel Richtiges getan haben, daß ich jetzt geschützt bin.“

„Das Gute in dir muß ein paar scharfe Kanten habe – sonst ist es keines.“

Ralph Waldo Emerson

Die Kehle runter

Besser ist natürlich die Kehle rauf. Raus mit der Last, die dir dein Herz einengt. Raus damit. Und deshalb war ich gestern auch so drauf. Ich, der Fotograf Achim. So cool kann kein Mensch sein, daß er immer locker, flockig und spritzig durchs Leben geht. Beileibe nicht. Also gestern, als ich so ein wenig in diesem meinem Gefühlsmischmasch da herumfuhrwerkte, und mir hätte so richtig, wie sagt man auf Hochdeutsch, die Kante geben können, hab ich natürlich überlegt, was könnste dir denn so reinsaufen? Den Apothekerpiccolo, okay, wenn mich eine Dame mal besucht, die sich recht höflich und freundlich in eine angenehme Stimmung beschwipsen will, nicht gleich hier bei mir sich zuschütten möchte, lediglich so ein kleiner Mutmacher, sag ich mal, um mir tief in die Augen zu schauen und mir mit fast unseriöser Stimme entgegenhaucht: „Mein Held, sie sehen heute sehr glücklich aus.“ Ich denke, daß ich für eine solche Situation den Apotherkerpiccolo mal im Keller kühl lagern werde.

Die Frage aber, was ich mir denn zur Betäubung meiner Seelenqual und zur Regulierung des Wärmehaushalts die Kehle hinabstürzen hätte wollen, na was soll ich da antworten?

Nehmen wir das allen Schreihälsen leicht zugängliche, durch das Reinheitsgebot gesicherte und dadurch beliebte Bier.  Hopfen und Malz, Gott erhalts. Nun sind mir durch meine lange Abstinenz durchgängig die bayrischen Biere unbekannt. Ich kann also über die Qualität der sich abzeichnenden seelischen Veränderungen da keine Aussagen treffen. Macht es lediglich mehr weinerlich, oder läßt es doch mehr die dem Landstrich angedichtete Derbheit in einem solch befeuerten Menschen aufkeimen? Daß er leicht wacklig auf den Beinen und der Konsonanten nicht mehr ganz Herr, sich dennoch robust seiner Frau in den Weg stellt, um ihr einmal in seinem Leben in einem unverständlichen Ton die Meinung zu geigen. Gesetzt den Fall, jemand hat noch ein Schnäpschen ins Glas gemixt, so kann neben der verbalen Entgleisung unter Umständen mal ein Rüttler, Schubser, Nasenstüber den Disput vorantreiben.

Geschmacklich weiß ich also das bayrische Bier nicht zu bewerten. Es ist sonnengelb und trägt ein hübsch weißes Schaumkrönchen, wenn dem Wirt der Gast König ist. Ungeschickt, auch unansehnlich sind jedoch die Halblitergläser und -krüge, bis hinauf zu den an sich für schlanke Gitarrenspielerhände einfach nicht mehr zu stemmenden Maßkrug. Das alles ist ungut. Ich kenne noch die zierlichen 0,2 l Gläser, auch die hübsch auf einem Fuß stehenden Pilsgläser. Was das Bier aus meiner Region angeht, und hier spreche ich vom Altbier und vom Pils-Bier, nicht vom Export, so kann ich in der Rückschau eindeutig den Rat erteilen, nach einer Woche Hannen-Alt die Marke zu wechseln, Köpi, Warsteiner und anschließend das damals von mir geschätzte Diebels, wenn man diese Reihenfolge beachtet, dann kann man das durchaus ein paar Jahre schön gemütlich durchhalten. Geschmacklich ist aber keins der Biere ein wirkliche Offenbarung, und vom Geruch her ziehe ich den Duft leichten Lavendels vor. Um einen wirklich anständigen Rausch mit Bier zu erzeugen, sollte man keine Scheu haben, einen ganzen Abend einzuplanen und für genügend Unterhaltung zu sorgen.

Heikler ist der Wein. Denn hier geht es, wie ich immer häufiger mitbekomme, schließlich in erster Linie um den Genuß. Ich höre oft: „Ein guter Wein. Ein herrlicher Tropfen.“ Und ich möchte da garnicht einschreiten und Bedenken anmelden, denn der letzte Wein, war es ein roter  oder weißer, das alles liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück, ich weiß es nicht. Ich erinnere mich an so große Weine wie „Edler von Mornak“ und „Amselfelder“, das sind beides sehr kräftige Sorten und wenn die ersten beiden Gläser unten bleiben, dann dürfte erst am nächsten Morgen und Übermorgen wieder mit Problemen zu rechnen sein. Auch hier kann ich keine guten Ratschläge oder Hinweise erteilen, keine Produktempfehlung aussprechen. Ich schnappe mal hier ein Wort, da ein Schmatzen und Schlurfen und Gurgeln auf, aber ob ich mich auf  einen fremden Gaumen verlassen kann. Wenn ich in Gesellschaft also abwinke, mit der Antwort auf den Hinweis: „Aber den solltest du probieren.“ “Aber nicht grad heute.“ So weiß ich über Wein nicht allzuviel zu sagen. Außer daß er schneller besoffen macht, als das harmlosere Bier. Man muß vielleicht auch nicht so häufig zum Händewaschen.

Gut, ein Qualitätssprung hinsichtlich des Alkoholgehalts erwartet uns  in der Fachabteilung für Kräuterlikörfeinwaren.  Die reiche Auswahl an diesen magenfreundlichen Bittergetränken kann dem Leidenden allabendlich, und auch zwischendurch auf dem Weg wohin, ein hilfreicher Begleiter sein. Ich erinner mich, daß, sollte es diesen Kräuterschnaps noch geben, der Jägermeister ganz ordentlich aufgenommen wird, wenn man gleich hinterher mit etwas Bier nachspült, um die einsetztenden körperlichen und seelischen Veränderungen ein wenig abzufedern und leichter steuerbar zu gestalten. Mit der Kombination von Kräuterschnaps und Bier habe ich mir sozusagen die Welt doppelt gesoffen. Wenn dann die Freundin auf dem Absatz kehrt machte, hoffte ich, das die andere bleiben würde. Aber irgendwie gingen beide, wenn ich über die Teppichkante stürzte. Hier würde ich sagen, im bayrischen Raum, eine recht geglückte Paarung.

Und da wären wir dann schon sehr weit im anderen Teil Deutschlands, wo der Klare, der Doppelkorn und der Bommerlunder für die Landschaft prägender sind. Schütteln tuts den Körper kurzzeitig, rinnt der in sehr kleinen Gläsern servierte Stärkungstrunk den durstigen Hals abwärts. Auch hier kann man gleich ein Bierchen hinterhertun, um den enormen Aufschlag im Magen milder parieren zu können. Aufmerksamkeit ist auch hier oberstes Gebot.

Gänzlich abzuraten ist von gesüßten Likören, und hier ist mir der Coantro in üblester vager Erinnerung. Ein solch großes Kopfkissen habe ich nicht gefunden, um den von teuflischen Schmerzen brennenden Schädel halbwegs sicher zu betten. Das Zeugs bringt garnichts, außer eben enormen Verdruß, gerade auch im engsten Familienkreis.

Sehr männlich ist dagegen Whisky. Witzki, wie ich gerne kolportiere. Es ist ein Getränk für den gestärkten Mann von Welt und läßt im Grunde keine Nuance aus. Von sehr leichter Wärme bis zu grundloser Heiterkeit läßt sich auch ein Rausch erzeugen, wie er exorbitanter und kaleidoskopmäßig von nichts in der Welt übertroffen werden kann. Ich setzte mich 1982 in einem Anfall von unbedingtem Größenwahn an den Rundtisch in der Küche, neben der auf mich wartenden Schreibmaschine stand ein Flasche Racke Rauchzart. Und als ich mich am späten Morgen verwundert am Stuhlbein hinaufzog zum Tisch, um meine Schreibleistungen der Nacht zu würdigen, war ich völlig überrascht, daß ich auch in einer mir völlig fremden Sprache zu schreiben in der Lage war. Ein Übersetzer, ein Mann des Rotweins, hatte allerdings seine Probleme.

All dies waren meine gestrigen Überlegungen, mit was ich mich sozusagen mal betäuben könnte. Ein Glas Apfelschorle mußte dann her, weil mir denn doch der Mund recht trocken geworden war.

Seelenstriptease

„Und, Jungs? Nicht einfach, im Weltall, was? Schließlich wird man auf sich selbst geworfen. Und jetzt habt ihr euren Katzenjammer. Nun drückt euch der Schuh. Aber ihr fangt an zu schreiben, zu fotografieren. Ihr kommt zu euch selbst.“

„Robert Ragun. Unser großer Weltraumflieger. Wie hälst du es denn so aus, allein unterwegs in deiner Rakete?“

„Ich fliege, versteht ihr, von einem Stern zum anderen. Manchmal dauert die Reise sehr lange. Ich war mal drei Jahre allein unterwegs. Das ist nicht leicht. Dann war da dieser Stern. Groß, struppig, funkelnd, und immer so ein wenig Seelchen und zu allen gut. Ich verliebte mich in sie und flog immer wieder bei ihr vorbei. Irgendwann bemerkte ich, daß alles was ich sagte, ihren Widerspruch herausforderte. Manchmal saß sie hier in meiner Rakete, das traurigste Gesicht, das mir jemals begegnet ist. Ich machte alles falsch. Und das, was ich sagte, verunsicherte mich bald mehr als es meiner Liebe gut tat. Einmal gingen wir im Mondschein aus und weil es kalt war, trug ich eine Mütze. Aber weil ihr diese Mütze nicht gefiel, ging sie fünf Schritte hinter mir. Dann besuchte mich ein Freund, wir verabredeten uns zum Theater. Sie begrüßte überschwenglich diesen Freund und ließ mich eiskalt stehen, das Seelchen. Später beschwerte sie sich über die Auswahl des Lokals. Ab einem gewissen Zeitpunkt konnte ich ihr nichts mehr recht machen.“

„Und, wie ist es ausgegangen.“

„Ich stieg irgendwann in meine Rakete. Ich spürte ihren Hass auf mich und dann flog ich los.“

„Und wie lange bist du jetzt allein?“

„Wißt ihr Leute, schon wieder eine ganze Weile. Ich bin unterwegs. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich betreibe meine Arbeit hier im Weltraum, mache Aufzeichnungen und gelegentlich sitze ich stumm da, denke mir, wie schön das Leben auch allein sein kann. Es geht auch ohne Frau weiter. Vielleicht nicht so aufregend, aber doch aufregend genug, nicht den Kopf in den Sand zu stecken.“

„Du bist immer ein bischen philosophisch. Macht es dir nichts, den ganzen Tag mit niemandem sprechen zu können?“

„Ich denke, es ist auch eine Prüfung. Ich spreche mit mir selbst. Ich spreche auch mit ihr. Ich sehe sie vor meinen Augen. Und ich bin unterwegs, und ich weiß, ich werde sie finden.“

Is’ gut, is’ schon gut

Jetzt, nach den Spiegeleiern und den Zwiebeln und dem Knoblauch und den Sonnenblumenkörnern und der Scheibe Brot, is’ schon wieder gut, is’ schon gut. Ich bin gestern abend vermutlich einfach nicht so gut drauf gewesen, kommt schon mal vor. Aber schließlich weiß man, wo man dran ist. Es haut einen manchmal um.

Damals sagte sie: „Wenn mich jemand verletzt, der kriegt bei mir kein Bein mehr auf den Boden.“

In dem Moment wußte ich, daß ich gemeint war. Und in dem Moment wußte ich, das mir gerade durchs Herz gebohrt worden war und das ich einer dieser armseligen Typen sein würde. Es geht ohne Veletzung nicht ab, wenn man zusammen ist. Wir können dann um Entschuldgung bitten, wenn da ein böses Wort gefallen ist. Also habe ich mich hingesetzt und meine Sache geschrieben. Ich wollte ihr sagen, pack deine sieben Sachen, verlaß den Typen und komm. Aber sie sagte: „Ich rufe dich nächste Woche an.“ Sie begriff das nicht, daß ich bis gestern ein halbes Jahr auf sie wartete. Daß sie mit irgendeinem armen Schwein ins Bett ging, der mit ihr genauso wenig zurande kommen wird, wie ich damals. Und es war zum Heulen. Nur ich liebte sie bis gestern. Mich machte die Vorstellung wahnsinnig, daß sie ihre Pussy einem anderen Kerl öffnete und sie ihre Arme um seinen Hals schlang und ihm zuflüsterte: „Ich liebe dich. Komm.“ Ich haßte mich für meine Gedanken. In der Nacht sah ich fette Schwänze in sie eindringen und wachte schweißgebadet auf. Ich dachte, du bist kein Kerl, Achim. Du bist ein Waschlappen.

Bis gestern wäre ich ihr um die ganze Welt nachgelaufen. Aber sie ruft nächste Woche an. Ich kann also ganz still hier sitzen und abwarten. Ich muß mein Haus nicht verlassen. Ich bleibe hier neben dem Telefon sitzen und wenn sie sagt: „Ich bin’s.“ Dann werde ich wohl den Telefonhörer auflegen.

Und jetzt

„Hörmal, Achim, was ist mit dir los. Raumfahrerkrankheit? Geht es dir hier oben plötzlich schlecht.“

„Giovanni, weißt du, du kommst zum Nachdenken. Es ist fantastisch, wie allein man über den Erdball segelt. Du gibst dir verdammt viel Mühe, ein halbwegs ordentliches Leben zu führen. Du arbeitest, du verliebst dich, du schaffst etwas Geld heran, du sparst dir für schlechte Zeiten etwas an. Und dann stehst du eines Tages da, und alles rinnt dir durch die Hände.“

„Was willst du tun?“

„Ich werde mich auf irgendeinem Planeten festmachen. Irgendwo wird schon ein Plätzchen sein. Vielleicht stampfen wir Baby your Blues noch einmal aus dem Boden. Vielleicht gelingt mir noch einmal der ganz große Coup. Nur eben ist auf die Weiber keinen Verlaß. Verstehst du, mir geht das alles ziemlich nah. Ich spreche nicht gern darüber.“

„Gehts dir besser.“

„Ich habe wenigstens ein paar Stunden geschlafen. Wenn du wirklich mal mit einer Frau etwas anstellen willst, und du sagst das auch, komm, wir sind sonst verloren. Ich will nicht, das wir verloren sind. Ich will, daß wir leben, daß wir gemeinsam an uns arbeiten, daß wir uns was aufbauen. Es ist nicht zu glauben. Es ist alles so viel wichtiger. Und dann merkst du, daß du schon verloren hast, bevor eigentlich etwas begonnen hat.“

„Naja, Menschen täuschen sich. Das, was sie für Liebe halten, das ist häufig eine flüchtige Laune. Klappts nicht mit dem einen, dann wechselt man zum Nächsten. Du nimmst das mit der Liebe zu ernst. Ich weiß nicht mehr genau, wo’s gestanden ist, ich meine bei Robert Musil in „Verwirrung des Zögling Törleß“: ‘Wer mehr liebt, der muß mehr leiden.’ Dein Bekenntnis hier, ich versteh das.“

„Ich kann nicht mehr, Giovanni. Es macht mir keinen Spaß mehr. Gestern abend hatte ich wirklich Angst. Ich schrieb wie du damals, als du zum Broadway bist. Abgehalftert und ohne Perspektive. Das hat mir imponiert. Es ist doch kein Zufall, daß drei Männer in dieser Rakete durchs Universum fliegen und ich habe den Eindruck, daß wir nirgendwo ankommen werden.“

„Ich glaube, wir kommen zu uns selbst. Ich hoffe, wir kommen wieder zu uns selbst. Und wir lernen unser Alleinsein zu ertragen. Daß es uns nicht berührt, wenn die Leute sich über unsere Bemühungen amüsieren.“

„Du hast es deiner Madame gezeigt. Im Mai liest du im Vereinsheim. Das ist fantastisch.“

„Ja, das ist eine wirklich fantastische Sache. Ich habe immer an mich geglaubt. Und so, wie du den festen Willen hast, weiterhin trocken zu leben, so wird sich das eines Tages auszahlen. Du wirst als Mann da stehen, den die Not manchmal gebeugt hat, aber du hast nie deinen Humor verloren. Das klingt nicht sehr männlich, wenn du zugibst, daß du Angst hast. Aber es ist wie mit allen Gefühlsregungen, wenn du darüber sprichst, wenn du darüber schreiben kannst, dann verläßt sie dich. Es ist wie mit einem Gebet. Und auch wenn du kein gläubiger Mensch im Sinne der christlichen Konfessionen bist, du das ganze Theater dieser Kirchen und Religionen absurd findest und Gott dir so unwahrscheinlich vorkommmt, es hilft. Nicht nur in der Not zu flehen, auch im Glück zu danken. Die meisten Menschen sind unwillig, dir zu folgen. Das kann man ihnen nicht übel nehmen. Jeder versucht sich in der Welt so gut wie möglich einzurichten. Ein jeder mit seinen Vorstellungen und Wünschen und Verirrungen. Aber wenn du an die Liebe glaubst, und du mal gehört hast, das Gott dich liebt, so wie du bist, weil du ein Gedanke Gottes bist, und du nimmst das ernst, dann bist du nicht ganz allein. Die Kirchen mit ihrem Brimborium, das braucht’s nicht unbedingt. Die haben im Namen der Liebe genug Unglück über die Menschen gebracht.“

„Komm, laß uns frühstücken.“

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