Leg los, Giovanni

„Hörmal, Giovanni, warum schreibst du nicht einfach los? Ganz zarte Sachen. Einen Liebesroman. Gedichte. Laß die Sache mit dem Strehler doch ruhn.“

„Püttmann, ich kann derzeit überhaupt nicht schreiben. Ich sehne mich nach der Sonne. Ich sehne mich nach ihr und finde keine Ruhe. Ich stehe vor ihrer Tür, sie aber bleibt verschlossen. Ich gehe herum ums Haus, sehe Licht in ihrem Fenster. Ich laufe einmal im Karree und die Lichter sind aus. Ich höre keine Stimme, die mich herein bittet.“

„Es ist eine traurige Geschichte, die du mir erzählst. Vielleicht seht ihr zusammen den Sonnenaufgang am Meer. Ihr eßt, ihr trinkt, ihr schlaft miteinander. Ihr besucht Kathedralen und Museen, tanzt auf der Straße und küßt euch in verschwiegenen Ecken. Ihr fangt an zu streiten im Alltagswahn, im Überlebenskampf. Ein jeder lernt die andere Seite eines Menschen kennen. Wie er böse werden kann, auch wenn er liebt. Wie er den anderen verletzt. Sie gehen auseinander, sie kommen sich wieder ein Stück näher. Sie lieben, aber sie wissen jetzt um die Verletzlichkeit des anderen. Und sie finden zu sich selbst, sie finden zum Ich, und sie kommen zum Du.“

„Püttmann, wohin soll das führen. Mir stehen keine Worte zur Verfügung.“

„Giovanni, dir steht ein Teil der Welt offen. Du hast Zugang zu einem Bereich, wohin niemand dir folgen kann. Diesen Weg mußt du allein gehen. Hier findest du einen Teil von dir. Den anderen in deinem gegenüber. Niemand hat Zugriff auf alle Worte, aber es kommt nicht darauf an, allein, allein wie du sie benutzt und was sie heraufbeschwören, das ist deine ureigene Angelegenheit. Gräm dich nicht, wenn einer besser und zärtlicher und ergreifender die Liebe zu Wort kommen läßt. Entscheidend ist doch, daß du liebst. Und wenn deine Liebe auch nicht erwidert wird, entscheidend ist, daß du liebst.“

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Gefunden im  knallrosa Tagebuch

Und hier geht es bitteschön ab zu einem sehr schönen Gedicht von Kurt Demmler: „Jeder Mensch kann jeden lieben“.

4 Antworten zu „Leg los, Giovanni“


  1. 1 herzi Januar 10, 2008 um 7:11

    „Entscheidend ist doch, daß Du liebst.“
    Das finde ich einen sehr schönen und zutreffenden Satz. Entscheidend ist doch, daß Du liebst.

    Beste Grüße,
    Herzi

  2. 2 Giovanni Januar 10, 2008 um 11:26

    Lieber Stefan,

    im Gegensatz fand ich bei Plattenbauromantik folgendes Zitat:

    “Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußrung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als lebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.”
    Karl Marx (Ökonomisch-philosophische Manuskripte. 1844)

    Ich muß sagen, daß es mich um und um treibt im Herzen. Und ich kann den Blog von Plattenbauromantik einfach nur empfehlen. Lest, lest, lest, was sie zusammengetragen hat. Und werdet für einen Moment still und demütig.

    Bis dann.

  3. 3 acynthia Januar 10, 2008 um 12:07

    Zuerst solltest Du Dich selbst Lieben, dann kannst Du andere Lieben. Dann kann man Liebe geben und nehmen, uneigennützig, nur der Liebe wegen.

  4. 4 Giovanni Januar 10, 2008 um 1:11

    Im Moment, liebe acynthia, da mein Herz schon etwas ruhiger pocht, bald unvernünftig und nicht immer grad gescheit zu deuten, und dies nichts anderes wohl bedeutet, als zu mir selbst zu kommen, Frieden finden. Wieder ruhig werden. Ich sprach einmal von Stille, vom Ruhen der Gedanken. Mit der Zeit merkte ich, daß die Stille, so bedrohlich oft empfunden, mich nicht verrückt macht, sondern Kraft schenkt. Dann bibbernd und an einem Punkt angekommen, der mich mit Angst erfüllte, stand ich da und sagte drei Worte.

    Danke für Deine Zeilen.


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