Den Dicken an die Eier - (Slam-Fassung)

“Was suchst du denn? Ich hätte was für dich.”

“Ist erstmal egal,” sagte ich.

“Gut. Hörzu, da ist ein Cafe. Weißt du, ich führe einen Kiosk in einer Mädchenrealschule. Is klar, du kannst von der Kunst nicht leben. Ich hab also diesen Kiosk, belegte Brötchen, Kaffee und Crepes. Verstehst? Crepes.”

Ich verstand, Crepes, belegte Brötchen und Kaffee. Die Schriftstellerei hatte mir noch keinen Cent eingebracht. Bisher hatte ich mein Geld als Büroangestellter verdient. 2004 tauchte ein Sanierer auf und Ende des Jahres durfte ich meine Koffer packen. Das war mein letzter fester Job.

Ich lebte von meiner Abfindung und der Stütze. Die Voraussetzungen für den Bezug von Arbeitslosengeld hatten sich verändert, so daß mein neunmonatiges Gastspiel im Kreisverwaltungsreferat der Stadt München meinen Anspruch auf Arbeitslosengeld nicht beeinflußte. Es stand mir noch für einen Monat Stütze zu, also stellte ich den Peter-Hartz-Antrag, der wurde abgelehnt, also löste ich meine Versicherungen auf. Also die Verhältnisse waren klar.

Und Strehler zog mich auf die Seite: “Das muß jetzt keiner mitkriegen. Aber wir haben tiefgefrorene Crepes. Die liefern wir an Schulen. Und die Stadt hat da einen neuen Bau hingesetzt, im Erdgeschoß ein Cafe. Die Miete ist Verhandlungssache, ich kenne da ein paar Leute. Aber du müßtest etwas Geld mitbringen. Zehntausend, zwanzigtausend.”

“Okay”, sagte ich, “vergiß es.”

“Ruf mich an. Wir unterhalten uns in Ruhe. Ich zeig dir alles.”

Wir standen vor einem kleinen verhangenen Ladenlokal. An der Eingangstür hing ein handgeschriebener Zettel: Zu vermieten, Handynummer soundso. Führe Maler- und Lackierarbeiten aus. Romano Serpentino. Ich fragte Strehler, ob ich etwas falsch verstanden habe, das sei auf den ersten Blick aber doch kein Cafe.

“Hörzu, Achim. Hier haben sich früher die Jungs aus der Pilgersheimer herumgetrieben. Die Berber. Aber man muß Innen vielleicht gar nicht viel machen. Das beste ist, du rufst mal bei dem Typen an, fragst nach der Miete, und ob eventuell ein paar Reparaturarbeiten notwendig sind. Ich hab noch Großes vor mit dir. Ich will den Konzernen noch mal richtig an die Eier.”

“So”, sagte ich, “aber wie?”

“Da drüben. Gymnasium. Ich liefere dir belegte Brötchen. Du verkaufst sie für zwei Euro das Stück. Angenommen zu hast 80 Cent Kosten, dann bleiben 1,20 und davon Hälfte Hälfte. Du verstehst? Ich liefere dir einen Ofen, da machst du Crepes, zwei Euro. Der Laden brummt. Wenn da drüben Pause ist, hast du dein Stehcafe hier voll. Du mußt nur sehen, daß die Wanderbrüder außen vorbleiben. Das mit den Crepes, du sollst mal sehen.”

“Aber was ist hier. Rechterhand, keine fünf Meter weiter, Müller-Brot, linkerhand der Tengelmann, und gegenüber ein richtiges Cafe.”

“Hörmal, wir stellen hier Tische raus. Die Kids haben Geld, verstehst du. Die bringen dir das, das ist das eben mit den Crepes, das ist das.”

“Und haben die in der Schule auch einen Kiosk?”

“Ja, sicher, aber die haben keine Crepes.”

“Müller-Brot, Tengelmann, Kiosk. Bayern hat 179 Schultage im Jahr. Hier ist nicht die Leopoldstraße. Keine Laufkundschaft. Nur die Jungs aus der Pilgersheimer Straße. Und ab welchem Alter dürfen die Kids eigentlich das Schulgelände in den Pausen verlassen?”

“Du stellst einfach zu viele Fragen. Müller-Brot, Tengelmann, da geht doch nix. Die machen zu. Wenn du die  Sache hier richtig anpackst, dann kannst du um drei Uhr hier dicht machen. Ich weiß, du willst lieber auf der Bühne stehen. Kunst und so. Aber davon kannst du nicht leben. Hier, das ist deine Chance.”

Strehler hatte ich bei Probenarbeiten zu einem Bühnenstück kennen gelernt. Und er wußte nichts von mir, außer, daß ich Arbeit suchte. Und nun versuchte er mir weis zu machen, daß er mit einem Stehcafe den Konzernen es noch mal so richtig zeigen wolle. Ich muß auf ihn einen ziemlich naiven Eindruck gemacht haben, daß er mir ernsthaft bedeuten wollte, daß wir zwei gerade dabei sind, die Welt zu erobern. Von Giesing aus.

Am nächsten Tag rief ich Strehler an. Ich sagte ihm, ich könnte das nicht machen.

“Hörmal”, tobte er plötzlich los, “wo lebst du eigentlich? Wann hast du deinen Beruf erlernt. Die Zeiten haben sich geändert. Ich will diesen Konzernen noch mal so richtig an die Eier. Ich will’s denen zeigen. Aber du willst es dir scheinbar auch nur in der Hängematte unseres Sozialsystems bequem machen.”

Er tobte weiter. Ich sagte ihm, daß ich keine Zeit hätte, mit ihm zu diskutieren.

“Du bist ein Träumer. Ich wollte dir helfen, daß du rauskommst aus der Scheiße.”

Ja, so oder so, man steckt mal mehr, mal weniger in der Scheiße. Doch das Ding ist abgehakt. Strehler auf Wachstumskurs, mit Kaffee, belegten Brötchen und seinen tiefgefrorenen Crepes.

4 Antworten zu “Den Dicken an die Eier - (Slam-Fassung)”


  1. 1 Matthias Januar 21, 2008 um 10:13 Uhr vormittags

    Herrlicher Text und mitten aus dem Leben! Ich könnte da auch so ein paar Beispiele liefern, etwa aus der Immobilien- oder der Finanzbranche. Überall Leute, die einem “helfen” wollen und rosige Perspektiven sehen. Komisch nur, dass es keine festen Gehälter gibt und man immer noch zuerst investieren soll…

  2. 2 Giovanni Januar 21, 2008 um 11:05 Uhr vormittags

    @Matthias

    Gut, daß ich an dem Tag der Strategieausrichtung recht deutlich vergrippt war, daß ich da eh sehr kritisch in der Welt stand. Was mich dann mehr noch verwundert, daß es eine recht merkwürdige Angelegenheit mit den Menschen ist, in ihrer Bedeutsamkeit ihr Gegenüber als Tölpel zu betrachten, der bei der angehenden Konzernplanung die Standortfrage (Giesing) als wichtigen Faktor einbezieht und dann nur loses Zeugs als Begründung angeführt bekommt. Ich muß mal schauen, ob der Laden mittlerweile brummt.

  3. 3 Matthias Januar 21, 2008 um 5:11 Uhr nachmittags

    Gut beobachtet! Das scheint aber ein ganz generelles Muster zu sein. Diese “Experten” sehen ihr Gegenüber immer als “Tölpel”, obschon sie ihn für ihr so wichtiges Projekt gewinnen wollen.

    Vielleicht ist das so, weil man so das eigene Risiko minimieren will und dafür bewusst einen Dummen sucht, dem nicht bewusst wird, welches Risiko er da auf sich nimmt.

    Und so Leute wie Du, die ernsthaft anfangen nachzudenken, sind da auf der falschen Spur. Denn ein intelligenter Kopf der seinen gesunden Menschenverstand einsetzt, könnte dem Experten ja vor Augen führen, dass dessen Idee ziemlich riskant bzw. schwachsinnig ist. Und das darf nicht sein!

    Schau mal, ob der Laden brummt und schreib eine Story hier im Blog darüber. Ich komme gerne wieder vorbei.

  4. 4 Giovanni Januar 22, 2008 um 12:20 Uhr vormittags

    @Matthias

    Immer herzlich Willkommen und vielen Dank für Deinen Kommentar.

    Gruß
    Achim

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