Muß ich jetzt gucken, wie ich das hinkriege. Ich hab mir eine Flasche Apfelsaft und zwei Mineralwasser gekauft, wegen der Vitamine. Und vorher aber zwei Tassen Kaffee getrunken. Ich kann jetzt nur hoffen, daß ich mir selbst noch hinterher komme, denn der heutige Tag, von frühmorgens bis termingerecht 19.37 Uhr, war ereignisreich, ja aufregend, obwohl ich mittlerweile vieles recht stoisch und überzeugt angehe, gefühlsmäßig da ein wenig zurückschraube.
Vorher noch aß ich ein Stück alten Gouda und ein hartgekochtes Ei, nun bin ich auf Sendung: W-LAN-Kabel 104,5 MegaHertz. An der Kasse vom Supermarkt sah ich ein Glas Gemüsebrühe, und ich fragte die Kassiererin: “Die ist doch für einen Mann recht einfach zuzubereiten.” Und sie sprach vom Elektrolytverlust, und deswegen habe ich ein Glas mitgenommen und ist sogar Bio. Also jetzt komme ich mal zur Sache. Um viertel nach sechs bin ich hoch. Tee, Ei, Brot; duschen, rasieren. Rasieren war mir heute wichtig. Sehr wichtig. Ich wollte heute gut aussehen. Ich legte mir ein warmes Handtuch aufs Gesicht, schlug mit dem Bock-Silberspitz Rasiercreme im Mug auf. Massierte etwas Alt Innsbruck in die Haut, stampfte und rührte mir einen sahnigen festen Schaum zurecht, verteilte ihn im Gesicht und packte mit meinem Merkur Futur eine phantastische und sanfte Rasur. Ich war ziemlich gelassen.
Um 8.30 Uhr verließ ich das Haus Richtung S-Bahn. Ein Fußweg von 15 Minuten. Ich fuhr in die Stadt, stieg am Hauptbahnhof aus, lief die Sonnenstraße Richtung Sendlinger Tor, dann zwei Stockwerke auf Nr. 29 hinauf. Die Dame am Empfang bat mich im Warteraum einen kurzen Moment Platz zu nehmen. Es saßen oder standen bereits einige Damen und Herren dort, es wurden immer mehr und zuletzt saßen 26 Leute in dieser vom Bundesministerium für Arbeit und der Agentur für Arbeit initiierten Maßnahme, Ü 50. Sechs Damen vom Arbeitsamt stellten sich den Ausgesonderten vor. Auch wir stellten uns vor mit Namen und Beruf, und ich sagte irgendetwas und das man ja schließlich müsse usw. Erstaunlich, ich war mir in diesem Moment nicht sehr wichtig, und einigen der Männer war es wie mir ergangen, sie hatten zuerst den Arbeitsplatz verloren, ihre Selbstständigkeit aufgegeben, Insolvenz angemeldet, dann ist ihnen die Frau weg, jetzt stehen sie da, allein, und allen geht es ziemlich hart rein, Schulden, Pfändung, Schicksale. Es waren ein paar ziemlich hochqualifizierte Leute darunter, seit über einem Jahr arbeitslos, jetzt Hartz IV-Bezieher. Auf ihre Bewerbungen erhielten sie größtenteils keine Antworten, und selbst die Zeitarbeitsfirmen hätten sie nirgens vermitteln können. Rosige Aussichten.
Um 10.15 Uhr lief ich zum Metzger in der Sendlinger Straße, eine halbe Stunde Pause, aß einen Teller Bohnensuppe mit Wiener und ein Hühnerbein. Es war die erste warme und gute Mahlzeit seit ein paar Tagen. Das Blut im Schädel senkte sich ab. Ich nahm den Straßenlärm plötzlich undeutlich und entfernt nur noch war. Meine Augen stellten sich aufgrund der warmen Mahlzeit auf halbacht. Dann ging ich zurück, verabredete einen Termin zur weiteren Beratung und Unterstützung. Die Veranstaltung war nach knapp 1,5 Stunden durch. Ich lief dann zum Viktualienmarkt, ich trank zwei Tassen Kaffee und aß ein Stück Pflaumenkuchen bei Karnoll am Stehtischchen. Dann lief ich herum. Mein nächster Termin würde erst um 14 Uhr sein. Ich hatte noch reichlich Zeit, nach Hause fahren machte keinen Sinn. Ich lief über den Viktualienmarkt, blieb bei Kamm-Weniger stehen und schaute mir die Thäter-Rasierpinsel an. Sie sind einfach nur schön, handgefertigt, buschig und die Köpfe rund und die Fahnen gleichmäßig. Ich überlegte kurz, ob ich 154 Euro locker machen sollte, um einen solchen Dachshaarpinsel zu kaufen.

Wir sind nicht dazu gekommen, unser erotisches Vorhaben wahr zu machen, Miss Honeyka und ich. Uns nackt in der Badewanne mit Rasierschaum einzupinseln. Nein, sagte sie, ein andermal, wenn ich sie auf ihr Versprechen aufmerksam machte. Ich kaufte keinen Pinsel. Ich lief über Marienplatz die Kaufinger Straße Richtung Stachus, und weil ich immer noch Zeit hatte, ging ich zu Musik Lindbergh-Hieber und spielte dort auf ein paar Gitarren. Eine Ovation hatte es mir angetan. Ich überlegte, ob ich sie mir kaufen sollte, 599 Euro. Dann ging ich weiter und setzte mich in die U 1 und fuhr bis Candidplatz. Ich hatte um 14 Uhr einen Castingtermin für einen Werbefilm. Die Produktion solle eine Woche dauern. Ich hatte noch Zeit, aber ich hatte vergessen die Hausnummer zu notieren. Ich lief die Konradinstraße ab, fand aber kein Schild an den Häusern, das auf eine Castingsagentur hinwies. Ich versuchte die Künstleragenur zu erreichen, deren Nummer in meinem Handy gespeichert ist, aber ich erreichte niemanden mehr. Ich rief Miss Honeyka in ihrem Büro an, sie hatte sich diese Woche melden wollen, aber es denn doch unterlassen. Ich habe begriffen. Ich rief sie an, sie suchte nach der Hausnummer.
Es war noch eine gute Stunde Zeit, also setzt ich mich in eine Bäckerei, trank noch einen Kaffee und ein Mineralwasser und machte Notizen. Einfach nur so, um die Zeit totzukriegen. Ein Paar setzte sich an meinen Tisch, es war der einzige Tisch in der Bäckerei, Ecke Hans-Mielich-/ Konradinstraße, und gleichzeitig war sie noch Postfilialpartner. Das ist alles sehr langweilig. Das Paar unterhielt sich, sie in einem schwarzen Pelzmantel, er im dunklen Anzug mit Weste, über Alarmanlagen. Dann ging ich die paar Meter zur Castingagentur, füllte einen Bogen mit meinen persönlichen Daten aus, ein junge Frau nahm meine Maße: Hals 40 cm, Brust 101 cm, Taille 85/92 cm, Hüfte 103 cm, Kopf 59, Arm 64, Beinseitenlänge 118. Hoffentlich auch ein klitzkleinwenig: sexy. Irgendein Schauspieler versuchte sich vorzudrängen und sprach auf mich ein. Ich schaute ihn an, zuckte mit den Schultern und sagte: “Er sei dann wohl nach mir dran.” Ein kleinkariertes Volk. Der Fotograf Tim machte einige Aufanhmen. Estrell nahm zwei kleine Szene mit einer Videokamera auf. Dann lächelte ich mein strahlenstes Gesicht mit den Augen. Ich danke.
Dann nach Hause. In der U-Bahnstation plötzlich wieder eine leichte Panik, endogene Depression, aus heiterem Himmel, ich kenne das. Die Psychiater und Psychologen hielten mich für einen schweren Fall, ausgeprägte depressiv narzistische Neurose, aggressionsgehemmt. Ich hab was dran getan. Es ist besser, ich laß den Bär mal von der Kette, als daß ich alles in mich reinschlucke. Das kommt zwar nicht gut an, aber ich will einfach nicht nachtragend sein. Es ist besser, ich sage, wenn etwas für mich nicht stimmt. Wahrscheinlich ist es schwierig mit mir.
Ich mußte nach Hause, ich war ein wenig müde geworden von der Tablette, die ich am Morgen gegen die Rückenschmerzen habe eingenommen. Ich rief Miss Honeyka an wegen der Unterstützung, ich bedankte mich. Sie fragte, wie es gelaufen sei, aber die Verbindung war schlecht, sie sagte, sie rufe morgen vom Büro aus an. Ich schickte ihr eine SMS, daß ich morgen den ganzen Tag unterwegs sei. Das stimmt zwar nicht, aber was soll ich sagen? Ich weiß nun einfach nichts mehr zu sagen. Ich werde mir weiterhin Mühe geben. Ich werde Geschichten erzählen. Musik machen. Bewerbungen schreiben. Da und dort nachfragen, was so geht. Fotos schießen. Texte auswendig lernen. Und irgendwann stehe ich auf dem Broadway, oder in Wien. Mit einem Thäter-Pinsel im Gepäck. Und werde sagen: “Das Leben ist schön.” Und das ist es auch. Manchmal kommt es einem nur nicht so vor… Ein Stück Glück Euch allen.

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