„Himmel, der Himmel steh uns bei“, rief ich, als ich Conzuela in ihrem Tippi antraf, vor dem Schminktischchen mit dem dreigeteilten Spiegel, vor dem sie mit verschieden großen Kosmetikpinseln die Kriegsbemalung auftrug. „Conzuela, bitte fasse dich. Ich werde mit der Recklinghausen ein ernstes Wörtchen reden. Wo ist sie?“ Sie deutete schweigend mit weitausholender Geste aufs Küchentippi.
Eine Flutwelle von Tränen schwappte mir in die Stulpenstiefel, als ich ins Küchentippi trat, die Recklinghausen mit dem Essen gerade zugange. In dem einen Topf Nudeln und in dem anderen eine Bolognese, wie sie Chris seinen Netzecken-Jüngern vorgestellt hat. Die Recklinghausen, dachte ich bei mir, sie hat eingesehen, daß es nicht richtig war, in den geheimen Tagebüchern Conzuelas zu stöbern. Sie versucht ihr Dummheit auszubügeln. Hart hörte ich die Tritte von Conzuela, ein Zeichen, daß nicht nur Psychologie und Fingerspitzengefühl, sondern auch Philosophie, Soziologie, Mathematik, Physik und Chemie, und das wenige was überhaupt ich noch davon verstand, daß es nur über diese Richtung ging, Frieden in diesem Haushalt zu schaffen. Erst als Golddachs im Licht des Küchentippis erschien, legte sich die Anspannung der Recklinghausen, und bis auf ein weiter sehr hörbares Schluchzen, geriet sie in äußerst heitere Erregung. Golddachs stand in einem gleißenden Licht, so massiv wie John Wayne, groß, gut ausssehend, kraftvoll und mit ernster Mine, ganz die Autorität, die er alle Tage ausstrahlt.
„Golddachs“, flüsterte ich, „kümmere dich um die Recklingshausen. Ich werde mit Conzuela sprechen.“
„Ich werde nur nachgeben“, antwortete die schöne Indianertochter, „Giovanni, wenn du über Nacht bei mir bleibst.“
„Aber was ist mit Sing a Song in the Wind?“
„Er wird es doch mal eine Nacht allein aushalten“, und ihr buschiger Kosmetikpinsel landete mit Wucht in dem Reisenthel-Schminktäschchen, das sie immer bei sich trägt. „Gut, ja, bitte, ja,“ gab ich meinen Bedenken Ausdruck, „ich bleibe über Nacht. Gewiß die ganze Nacht. Conzuela.“
Der Mond strich durch den Himmel, die Sterne zogen ihre Bahn, die Erde stand plötzlich still, die Nachtigall zwitscherte in den lieblichsten Tönen, ich hörte von fern her undeutlich Golddachs unter der Decke ein paar zärtliche Worte zu Sing a Song in the Wind oder der Recklinghausen sagen, spürte mit einem mal, wie poetisch das Leben ist, und fühlte etwas ganz neues, die: Hitze der Savanne.

„Die Recklinghausen ist im Küchentippi.“


Die Öffentlichkeit hat an Golddachs ein berechtigtes Interesse. Auch die Kantonspolizei Zürich und Basel in der angrenzenden Schweiz suchen nach ihm. Steckbrieflich wird er wegen Landstreicherei und noch zu beweisender Lausbubengeschichten gesucht. Die Behörden in Bad Säckingen versprechen sich mit der Ergreifung von Golddachs die Auflösung ungeklärter Fälle, unter anderem die großangelegte Schmuggelsache, die sich Ende November/Anfang Dezember 1989 auf der historischen Rheinbrücke abspielte. Die atomare Verstrahlung des Rheins beträgt an dieser Stelle 8,9 %.
auf ein Taxi warten, geduldig und lächelnd, in einem schurwollenen Mantel, einem Schlägerkäppi auf dem Kopf, der lederne schwere Koffer mit der frischen Wäsche. Wiederum andere wollen ihn in Begleitung einer mondänen Dame von der Cote d’Azur gesehen haben. Ein verführerisches leichtes Wesen, deren Lebensumstände nicht geklärt sind und somit Nachschub für allerlei gewünschte Spekulationen liefert. Ihren Namen veschweigt sie der Öffentlichkeit, wobei man sagen kann, wenn auch mit leichten Zweifeln, daß Golddachs sie: „Maus.“ gerufen haben soll. Aber die Polzei nimmt an, daß es sich hier nur um ein Täuschungsmanöver handelt.
Wie dem auch sei, die länderübergreifende Polizeifahnung läuft auf vollen Touren. Man geht von zwei Menschen aus, männlich, weiblich, deren Aussehen ungesichert ist, deren Spuren sich nicht verfolgen lassen, deren Abbildungen zweifelhaft sind. Niemand kann gesichert sagen, ob Golddachs und Agentin Maus die sind, für die sie angenommen werden. Die Verhältnisse sind völlig verrückt, schließlich weiß man nicht, wo man ansetzten soll. Nach dem letzten Foto, das ein gewisser Swoboda auch den französischen Behörden übermittelt hat, soll das Gaunerpärchen in Begleitung eines Hundes gesehen worden sein, der auf den Allerweltsnamen Schorschi hört, in der modernen Opernaufführung Belcando die Hauptrolle gespielt haben soll und seit einem Jahr von Erfolg zu Erfolg reist.



Deschön ist uns auf den Fersen. Ein hartnäckiger Kerl. Einerseits ja schmeichelhaft, andererseits, man hat zu tun und für eitel Trallalla bleibt keine Zeit. Deschön ist viel zu aufgeregt und an Antworten wenig interessiert. Was geht mich die bunte Welt an, wenn es gilt den alten Kerl Prontosaurus wieder hochzupäppeln, vielleicht ein paar Euro mit ihm in Riem zu machen, um T. Bier und Prof. Brim zu reaktivieren. Es gibt noch so viel zu tun, ich werde ganz still darüber.



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