Archiv für Mai 2008

Nicht aufgepaßt

Alt genug bin ich ja, und unvorsichtig bin ich eigentlich nicht, aber der leichte Wind, der über mein lauschiges Plätzchen auf den Brandungsfelsen ging, ließ ihn mich erst nicht spüren, den Sonnenbrand. Stirn und Nase glühten feuerrot, natürlich war ich auch leicht bedatscht im Kopf. Das passiert eigentlich immer nur am ersten Tag. Also unterließ ich heute die geplante Wanderung zur Chiesa Santa Margherita di Antiochia, und machte mich stattdessen auf, am frühen Morgen meine Koffer und Kisten auszupacken, die Wäsche in den Schrank zu räumen, das Rasierzeug ins Bad zu stellen, meine Hanika-Gitarre zu stimmen, die drei Schuber mit den Columbo-Filmen ins Bücherregal zu legen, neben die Notenhefte. Im Zimmer befindet sich ein Gasherd, ein altertümlicher Schrank mit Geschirr und Besteck und Töpfen und Pfanne. Ich würde mir einen Tee kochen können. Ein kleiner Kühlschrank für leicht verderbliche Ware.

Bis Ende September werde ich hier mein Glück versuchen. Soviel Geld habe ich beiseite gelegt, daß es reichen müßte. Es ist das letzte Geld. Ich werde mit der Verwaltung des Ortes sprechen, die Einwilligung einholen, in den Abendstunden mit der Gitarre am Hafen für leichte Unterhaltung zu sorgen. Ich habe mir ein kleines Repertoire zusammengestellt, Carcassi, Carulli, Aguado, auch ein paar Melodien aus der Unterhaltungskiste, Stangers in the Night, Samba Pa Ti, Light my Fire, The Girl from Ipanema. Alle zwei oder drei Abende nur würde ich für ein zwei Stunden etwas zum Besten geben. Ich kann nur noch gewinnen.

Am Mittag werde ich los wegen eines DVD-Spielers. Ein Fernseher ist vorhanden. Dann kann ich auch ein wenig Musik hören. Frau Cosmea sagte zum Abschied: „Ich glaube, E.T.A. Hoffmann hat es gesagt: ‘Nur der Gedankenlose ist allein.’ Ich wünsche ihnen alles Gute, Giovanni.“

Also ist es Ende Mai

Ich bin die Hauptgasse zur belebten Hafenpiazza runter. Am Hafenstrand die knallbunten Fischerboote, die farbenprächtigen Fassaden und tiefen Laubengänge, ein erfrischendes Lüftchen hatte mich hungrig gemacht. In der Osteria Il Baretto bestellte ich eine Portion Nudeln ala Vongole, eine Vorspeisenplatte und eine Flasche Mineralwasser. Ich roch das Meer, und all das Glück, das ich empfand, verunsicherte mich. Ich hatte Golddachs frei gegeben. Er würde die drei reizenden Frauen sicher in ihre Heimat bringen, auch sollte er sich um seine Recklinghausen etwas mehr kümmern können.

Ich war in Gedanken, in guten Gedanken, sie fehlten mir. Aber ich konnte mich wieder um mich selbst kümmern, und doch, sie fehlten mir. Die wunderbare Indianertochter, ich winkte ihr zum Abschied, der Zug ruckte los, dann stand ich da, mit einem dicken Herzen voller Schmerz, glücklich, daß es sie gibt. Golddachs, der Frau Karin Recklinghausen sicherlich ein guter Mann werden wird. Frau Cosmea, die so wundersam gewirkt hatte.

Mein Weg zum Hafen führte duch schmale Treppengassen, vorbei an den hübsch dekorierten Fensterauslagen kleiner Geschäfte,  voller Lederwaren, Weine und Öle und Früchte, Kaffee und Haushaltswaren. Nach einem Mocca kehrte ich zurück in meine kleine Pension Locanda Barbara, legte mich aufs Bett, mein abenteuerliches Leben würde hier ein wenig zur Ruhe kommen, dann Stille….

Mit Volldampf über den Brenner

\Seit gestern darf ich wieder: „Zwei, drei, maximal“, laut Frau Cosmea. Also maximal drei Zigarillos pro Tag. Gestern war mir nach dem ersten schön schwindlig, weil ich den Dampf natürlich inhaliere. Am 21. Mai, mit der Ankunft Conzuelas, fiel ich in einen bis gestern andauernden Schlaf. Ich selber habe mir in dieser freien Zeit keine übermäßigen Sorgen gemacht. Nicht über mich, auch nicht über andere. Als interessanter Gesellschafter kann ich mich nicht bezeichnen, obwohl natürlich die Recklinghausen immer wieder mich zum Weitermachen gemahnt hat. Es war für meine Lieben eine harte Zeit, wenn ich auch keine Schwierigkeiten in dem Sinn machte. Schließlich war Frau Cosmea auf die Idee gekommen, daß mir Luftveränderung vielleicht gut tun würde. Im Krankenwagen weiterIn einem Krankenwagen ging es dann erst rechts in die Lilienthalstraße, vorbei am Supermarkt, bergauf Richtung Sankt Blasien, scharf links an der Kreuzung beim Frische-Center und von da ab ein gutes Stück Landstraße bis zur Autobahn. Ich lag ohnmächtig auf einer wassergefüllten Matratze, verkabelt und an allerhand Schläuchen aus bestem Material angeschlossen, die aus verständlichen Gründen notwendig waren.

Es ging über kilometerlange Brücken, links am Gardasee vorbei, Richtung Verona, endlich die Küste entlang, Genua, Ende der Reise Vernazza, abgeschieden und anmutig. In der Osteria Il Baretto endlich eine der kleinen Tassen mit dem schwarzen Wunder.Ein kleines Wunder Ich sage Dank an alle. Golddachs war da, Conzuela, die Recklinghausen, die von Frau Cosmea in der Krankenpflege unterrichtet worden war. Es ist wunderbar, hier zu sitzen. Und manchmal verwechseln mich die hübschen ligurischen Frauen mit Richard Gere, wohl wegen der grauen Haare an der linken Kopfhälfte. Mir macht das nichts. Ich sage das auch. „It’s no problem.“ Ich werde jetzt ein paar Schritte tun. Es ist zauberhaft hier.

Schlafe, mein Junge, schlaf’

„Wie geht’s ihm, Frau Cosmea? Ist das Fieber heruntergegangen? Hat er eine Kleinigkeit gegessen? Er muß viel trinken.“

„Er schläft, Conzuela. Er hat noch nach dir gefragt. Und auch nach Professor Brima und T. Bier, und Achim und Robert. Seine Augen leuchteten. ‘Er ist mein Junge, mein Sing a Song in the Wind ‘, aber seine letzten Worte waren: ‘Conzuela, sie kommt.’ Er fühlt sich schwach, aber er sagt es nicht deutlich. Er hat noch Temperatur. Bis in die frühen Morgenstunden hat Giovanni sechs weitere Entwürfe für seine Inspektor Tasso Dorato Serie niedergeschrieben, bis er dann in seinem Trenchcoat eingeschlafen ist, ein abgenagter Bleistiftstummel in den Mundwinkeln.“

„Giovanni, du hörst mich, Giovanni. Schlafe, mein Junge, schlaf’. Ich bin bei dir. Ich habe Frau Cosmea frei gegeben. Ich nehme deine Hand, mein Liebster. Ich stelle dir auf dein Nachttischchen ein Bild von deinem Pronto. Ein wilder Kerl. Ich werde fast nicht mehr fertig mit ihm. Er braucht dich, er braucht eine starke Hand, eine männliche Hand. Nun will er doch in die Politik, stell dir das vor. Zum Schutze des Hirschkäfers. Abends nach den Chorproben sitzen sie zusammen in der Garage, Flying High, Runing Gag und ein paar andere aufgebrachte Waldbewohner, diskutieren und verfassen Flugblätter. Gott, würde er doch nur ein Sänger, oder ein Dichter, wie du. Giovanni, schlaf mein Bester. Schau, hier ist ein Foto deines Zöglings. Schau, wie er schaut.“

Sing a Song in the Wind

Von Dienstag auf Mittwoch

„Recklinghausen.“

„Golddachs.“

„Hörst du den Regen, Recklinghausen? Spürst du die Frische der Nacht?“

„Ich höre und spüre, Golddachs. Küss mich. Höre nicht auf mich zu küssen, mein Geliebter. Nimm mich fest in deine Arme. Du riechst so gut. Bleib bei mir. Bleib die ganze Nacht bei mir.“

„Recklinghausen, sind wir intim? Sind wir intim, Recklinghausen, wenn wir uns küssen?“

„Küssen, mein lieber Golddachs, ist sehr intim. Und in die Augen schauen und berühren und sich umarmen. Golddachs, sich zu lieben, ist wunderbar. Geh heute Nacht nicht fort. Bleibe bei mir.“ 

In der Nacht

Der Brudermord im Fahrradschlauch

Inspektor Tasso Dorato

Inspektor Tasso Dorato ermittelt im Fall „Brudermord im Fahrradschlauch“ in der Bäckereiszene auf dem Viktualienmarkt. „In einem Kürbiskernbrot wurden ungewöhnliche Mengen Weißmehl gefunden. Bei einer sofortigen Duchsuchung eines Lagerhaus im Stadtteil Giesing wurde gammeliges Schimmelbrot entdeckt, das mit 25 % Preisnachlaß an unbescholtene Bürger vertickt werden sollte. Das Weißmehl war von ungewöhnlich schlechter Qualität. Es roch nach etwas Bittermandel. Der Bruder des Weißmehllieferanten, ein seltener Charakter mit wenig krimineller Scheu, versuchte die Hilfskostenstelle 5552 Roggenmehl auf der Sollseite zu manipulieren, um die Margen pro Kilo Kürbiskernbrot von 30 auf über 65 Prozent zu steigern. Der Bruder, ein Biobrotbäcker der ersten Stunde, erwischte den Mehlpanscher, was ihm aber das Leben kostete.“

Entwurf zu einer Kriminalgeschichte. Verfasser: G.I. am 20.05.2008. Anmerkung: Kein schlechter Anfang, die beiden Brüder ordentlich beschreiben. Der Mörder: exaltiert, leicht überzeichnen. Längeres Verhör der Bäckereifachverkäuferin, sofort beruhigen: „Sie sei auf keinen Fall die Mörderin.“ Gag: Inspektor Tasso Dorato dreht sich auf dem Weg zu seiner Frau, bzw. ins Präsidium noch einmal um und fragt: „Eine Frage noch.“ Worauf der Täter in der Folgezeit immer genervter reagiert.

Columbo – ich bin platt

Recklinghausen,

wie lieb von Dir, und Dank auch an den Silberspitzen-Mann Olaf, der Dich so wunderbar beraten hat. Die dritte, vierte und fünfte Staffel der Columbo-Krimis, 26 Stunden unterhaltsame Spannung, witzige Dialoge und den Geruch von Zigarren. Columbo - noch eine FrageJa, Recklinghausen, das war eine gute Idee, für 13,50 Euro die Staffel wegen der Geschäftsschließung da von MediMax.  Naja. Heute früh habe ich mir also Des Teufels General angeschaut: Ja, Gott, ich bekam wieder Lust auf ein Zigarillo, und wenn ich der Cosmea sage, daß ich eine rauchen will, dann schiebt sie mir ihren Daumen in den Mund. Da habt ihr mir eine ins Haus geschickt. Ich weiß nicht, ob ich jetzt schnell wieder gesund werden, oder noch ein wenig länger krank bleiben soll. In ihrer Resolutheit erinnert sich mich ein wenig an Miss Marpel. Seis drum.

Sag Olaf einen schönen Gruß von mir, und daß das mit den Columbofilmen ein echter Silberspitzentip ist. Und Dir, Recklinghausen, wünsche ich für Dienstag und Mittwoch swingende Stunden mit Deinem Tasso Dorato.

Dein Giovanni

Ach, Recklinghausen,

zur Zeit ist es ein wenig eine bedrückende Zeit. Wobei ich sagen muß, Giovanni versucht es uns leicht zu machen. Sobald Frau Cosmea ihm die unter strenger ärztlicher Aufsicht verordneten Drogen spritzt, klärt sich sein Bewußtsein, und er kann einige Schritte unter Zurhilfenahme eines Gehstockes durch den von Conzuela angelegten Garten tippeln. Mit zarter Hand berührt er die Blüten und atmet ihren balsamischen Duft. Er liest anschließend die Briefe, die ihn aus aller Welt erreichen und bedauert zutiefst, daß er aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht antworten kann.

„Sehen sie, Golddachs, wir haben nicht alles richtig machen können, so weit sind wir nicht, wir sind Menschen. Aber wir haben versucht, mit unseren begrenzten Mitteln und unserem kleinen Verstand, das Beste aus allem zu machen. Es ist nichts Geringes, was wir in die Welt gesetzt haben, so bescheiden wollen wir nicht sein. Daß man uns nicht von allen Seiten verstehen wollte, damit haben wir gerechnet und uns dadurch auch nicht entmutigen lassen. Ich muß mich nur ein wenig erholen, dann wird es schon wieder gehen.“

Recklinghausen, gegen Abend dann besucht er wieder den Garten, schneidet ein wenig Schnittlauch und zupft etwas Petersilie und Salbei, „mein Abendbrot“. Gegen Nachmittag spielt er auf seiner Hanika. Die Situation macht ihn sensibel gerade für die Musik, „ja, vielleicht kann ich den von Conzuela ins Leben gerufenen Chor Dicke Decke für eiskalte Damenfüße rhythmisch und melodisch ein wenig unterstützen, beizeiten“.

Wie sehr ich Dich, Recklinghausen, liebe, kann ich mit Worten nicht ausdrücken. Für den Dienstag übernimmt Frau Cosmea die Verantwortung, auch hat sich Conzuela für diesen Tag angekündigt, so daß ich hier für zwei drei Tage weg kann, Dich in meine Arme schließen. Was hälst Du davon, wenn wir miteinander Schlafen? Hm? Ich habe große Lust! Mein Gott, Recklinghausen, mein Gott, wie ich den Tag herbeisehne, daß wir in der Nacht in den Sternenhimmel sehen.

Tausendmal seis Du geküßt von Deinem

Golddachs

Schreib- und Malstube

Strenge Bettruhe

Liebster, oh Giovanni,

Golddachs ist gerade wieder aufgebrochen, zurück zu Dir. Ich bin ganz kopflos und mein Herz voller Angst und Sehnsucht. Was ist mit Dir? Giovanni, Golddachs sagt, Du bist erkrankt und liegst zu Bett. Auf meine Frage, was Dir fehlt, antwortete er, daß auch die Ärzte ratlos sind. Bitte schone Dich und esse gesunde Sachen. Nimm täglich ein paar der Kräuter aus dem Garten, den ich Dir angelegt habe. Greife beherzt zur Petersilie, sie enthält so wichtiges Eisen fürs Blut. Und nimm auch vom Schnittlauch, ein Brot mit Butter und etwas von den saftigen Stengeln, es wird Dich erfrischen und stärken. Der Salbei wird Deine Beschwerden im Hals lindern. Brühe Dir eine Tasse Tee. Und nimm vom Pfefferminz für den Magen. Und Kamille.

Giovanni, ich habe nach Frau Cosmea geschickt, sie ist eine erfahrene Heilpraktikerin, sie wird Dir helfen. Vertraue ihr. Ich habe Golddachs einen neuen Schlafsack mitgegeben, er wird Dich warm halten. Aber ich werde bald zu Dir kommen, um nach Dir zu sehen. Deine Hand halten, Deine Stirn küssen. Versprich mir, daß Du bist dahin alles unterläßt, was Dich Schwächen könnte.

Sing a Song in the Wind macht sich prima. Ein intelligenter Kerl. Er ist lebendig und läuft täglich sehr ausdauernd seine Wege. Du mußt Dir um ihn keine Sorgen machen. An den Chorproben nimmt er lebhaft teil. Ich werde Dir bald ein Foto von ihm schicken. Er gleicht Dir in so Vielem. Hat sich Deschön auf Deine Worte gemeldet? Also will auch Baden-Baden Sing a Song in the Wind nicht Laufen lassen. Es sind Angsthasen. Aber ich verstehe, Dir bricht eine weitere Einnahmequelle weg, und nun ist es für Dich bitter ernst. Achim hat mit anfänglicher Nervosität den Abend im Vereinsheim recht ordentlich bestritten. Du hast aus ihm einen überlegten und ernsthaften Mann gemacht. Er ist Dir sehr dankbar.

Verzweifle nicht, mein Liebster. Bleibe guten Mutes. Meine Liebe Dir.

Deine Conzuela

Ein heiterer Abend im Vereinsheim

Vor dem Ansturm

Ein Lied zum Abschluß

vo.li.na.re.: Michael Sailer, Moses Wolff, Achim Püttmann, Sven Kemmler und Philipp Scharrenberger

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