Liebster Giovanni,
mein lieber Imp, es wird Dich freuen, ach was, es wird Dich glatt vom Stuhl hauen, was ich Dir zu berichten habe. Wir waren schon auf dem Weg zu unserer Albergo, was meinst Du, wer uns auf halber Strecke über den Weg läuft? Du wirst es nicht erraten und vermutlich auch zu ungeduldig sein, als daß Du jetzt viele Namen aufzählen willst. Die Zeit ist auch knapp. Wir trafen Paolo Conte! Sing a Song in the Wind tat einige Sprünge, daß man glauben mochte, jetzt ist er verrückt geworden. Paolo hat Deinen lieben Pronto zu sich geladen. Was Besseres kann ihm nicht passieren. Paolo rät aber auch, gerade in Neapel Gesang und Komposition zu studieren, denn diese Stadt sei voller Leidenschaft, voller Sehnsucht, voller Hingabe, voller Melancholie und bezaubernder Schönheit. Ich kann das nur bestätigen, nach meinen wenigen Eindrücken.
Die Aufnahmeprüfung wird der verhinderte Galopper hoffentlich bestehen. Er ist guter Dinge und hält sich fit, ernährt sich gesund, Du weißt, wie er ist, was soll ich Dir erzählen, er ist ausgelassen, fast noch wie ein Kind. Italien ist anders, ganz anders als Deutschland, wo nicht nur die Männer, sondern mittlerweile auch die Frauen schlecht gekleidet ihrer Wege ziehen. Hauptsache man tut auf Seele und Empfindsamkeit und ist korrekt von der ganzen Denke her. Dann lieber einen dieser schicken Kerle mit den blütenweißen Hemden, den schwarzgeölten Haaren, den blanken Lederschuhen und mit der leichten Verzweifelung im Gesicht: O, Amore, Giovanni. Sei nicht eifersüchtig, mein Lieber, daß ist nicht nötig, Sing a Song in the Wind ist ja bei mir.
Etwas außerhalb von Neapel trafen wir auf ein versprengtes Grüppchen Eidechsen. Sie würden Dir gefallen, wie sie plötzlich und sehr rasch auf einem Mäuerchen Platz nehmen. Ganz flink sind ihre Bewegungen. Im Vergleich zu ihren doch ruckartigen Kopfbewegungen ist das Auf- und Niederklappen ihrer Augenlider fast einschläfernd. Ich glaube, Giovanni, es sind Zaubertiere. Sehr zart diese Kerlchen, aber voller Elan auf diesen heißen Steinen.
Wie war die erste Chorprobe? Nicht wahr, die Damen sind schon manchmal sehr albern. Du mußt Ihnen verzeihen, sie singen sehr gern und sie lieben Dich. Die meisten von Ihnen haben alles von Dir gelesen. Sei nicht so streng mit Ihnen. Aber laß nichtsdestrotrotz die Finger von ihnen. Ich werde bald wieder bei Dir sein, mein schöner Mann.
In Liebe Deine
Conzuela
P.S.: Diese Porträtzeichnung, lieber Giovanni, hat PAOLO CONTE gestern abend in seinem Hotelzimmer von mir angefertigt. Ich bin doch wunderbar getroffen. Er ist ein großer Künstler. Ich könnte mich auf der Stelle in ihn verlieben. Gestattest Du es mir? Für eine kurze Zeit?
P.P.S.: Es kann wirklich nichts passieren. Er ist ein Mann mit vorzüglichen Manieren und einem so melancholischen Gesicht. Und einem faszinierend sinnlichen Mund und einer tiefen erotischen Stimme. Danke!
P.P.S.S. Überlege Dir, ob Du eine Eidechse möchtest.



Die Familie Golddachs hat mir eine kleine Höhle eingerichtet. Sie sind so liebenswürdig. Um wieder ordentlich zu Kräften zu kommen, haben sie mir für die Nacht ein Oberbett aus feinstem Kamelhaar bereit gelegt, in der Gewißheit, daß die mir während des Schlummers zugeführten hoch-potenzierten homeopathischen Dosen Kamelkraft mich wieder aufrichten. Respektive wieder hoch erhobenen Kopfes durchs wüste Weltall; allein Kamelkraft stärkt. Dieses Tier, das man zu den Paarhufern und Schwielensohlern zählt, paßt sich wie von Zauberhand geführt selbst extremsten Lebenssituationen an. Es ist eine reine Bio-Decke aus der wilden Ödnis der Savanne. Ich schlafe wunderbar. Morgens gibt es ein reichhaltiges Frühstück mit heißer Milch zum Kaffee.

Mir selbst fehlen die Worte. Die Recklinghausen, sie ist eine reizende Frau. Ein Bild von einer Frau. Sie ist die Magnolie. Sie besitzt Mut und den so liebenswürdigen Charme und Witz, der uns Männern, ja, wie soll ich sagen… – direkt 100 % angenehm ist und uns anmacht und umwirft. Sie hat diesen Fels von Mann, Signore Tasso Dorato, auf den Mund geküßt, und er, er wurde plötzlich weich in den Knien und stark in der Brust. Ihr Kuß, ein Zauberkuß gewiß, der nur die Liebe kennt -
Weiter geht es. Immer weiter. Durch die Dunkelheit, vorbei an Hecken und Zäunen. Der schwere schwarze Koffer mit der Hanika-Gitarre darin, die schwarze Aktentasche mit ein wenig Wäsche zum wechseln. Und wieder singe ich I Will Survive und zwischendurch blase ich durch die Backen das Saxophon, zwei Schritte rechts links, vor zurück. Dann fiel mir das Lied Tempo Perdido von Pink Martini ein. Grund genug, es noch ein wenig wilder zu treiben in dieser schützenden Dunkelheit. Es hatte zu regnen begonnen. Ein kühlender Regen. Ich wurde nass und kickte in eine Wasserpfütze. Ich hörte sie flüstern: „Ich bin Puck die Stubenfliege.“ Und mußte lachen. „Glaubst du mir? Ich bin Puck die Stubenfliege.“ Sie hatte sich eine dieser großen Sonnenbrillen gekauft, über sie lachte Conzuela. Mit dieser Brille auf der Nase sehe sie aus wie Puck die Stubenfliege, hm.

Aber das Denkmal, das ich allen Amseln setzen wollte, stieß auf Ablehnung. Man hält mich in Vernazza wieder einmal für übergeschnappt. Ich habe mich also auf die Socken gemacht. Zu Fuß bin ich weiter, Richtung Schweiz. Es war ein langer Weg, und auf diesem Marsch verlor ich noch meine letzte Barschaft. Ich betrat die Schweiz in Laufenburg. Etwas müde, aber noch so gut bei Kräften, daß ich über die Rheinbrücke weiter geradeaus Richtung Murg und dann rechts links weiter bin zum Dachsberg. Mein guter Golddachs ist seit kurzem Besitzer eines Berges, des Dachsberges.



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