Archiv für Juli 2008

Brief aus Neapel

Liebster Giovanni,

mein lieber Imp, es wird Dich freuen, ach was, es wird Dich glatt vom Stuhl hauen, was ich Dir zu berichten habe. Wir waren schon auf dem Weg zu unserer Albergo, was meinst Du, wer uns auf halber Strecke über den Weg läuft? Du wirst es nicht erraten und vermutlich auch zu ungeduldig sein, als daß Du jetzt viele Namen aufzählen willst. Die Zeit ist auch knapp. Wir trafen Paolo Conte! Sing a Song in the Wind tat einige Sprünge, daß man glauben mochte, jetzt ist er verrückt geworden. Paolo hat Deinen lieben Pronto zu sich geladen. Was Besseres kann ihm nicht passieren. Paolo rät aber auch, gerade in Neapel Gesang und Komposition zu studieren, denn diese Stadt sei voller Leidenschaft, voller Sehnsucht, voller Hingabe,  voller Melancholie und bezaubernder Schönheit. Ich kann das nur bestätigen, nach meinen wenigen Eindrücken.

Die Aufnahmeprüfung wird der verhinderte Galopper hoffentlich bestehen. Er ist guter Dinge und hält sich fit, ernährt sich gesund, Du weißt, wie er ist, was soll ich Dir erzählen, er ist ausgelassen, fast noch wie ein Kind. Italien ist anders, ganz anders als Deutschland, wo nicht nur die Männer, sondern mittlerweile auch die Frauen schlecht gekleidet ihrer Wege ziehen. Hauptsache man tut auf Seele und Empfindsamkeit und ist korrekt von der ganzen Denke her. Dann lieber einen dieser schicken Kerle mit den blütenweißen Hemden, den schwarzgeölten Haaren, den blanken Lederschuhen und mit der leichten Verzweifelung im Gesicht: O, Amore, Giovanni. Sei nicht eifersüchtig, mein Lieber, daß ist nicht nötig, Sing a Song in the Wind ist ja bei mir.

Etwas außerhalb von Neapel trafen wir auf ein versprengtes Grüppchen Eidechsen. Sie würden Dir gefallen, wie sie plötzlich und sehr rasch auf einem Mäuerchen Platz nehmen. Ganz flink sind ihre Bewegungen. Im Vergleich zu ihren doch ruckartigen Kopfbewegungen ist das Auf- und Niederklappen ihrer Augenlider fast einschläfernd. Ich glaube, Giovanni, es sind Zaubertiere. Sehr zart diese Kerlchen, aber voller Elan auf diesen heißen Steinen.

Wie war die erste Chorprobe? Nicht wahr, die Damen sind schon manchmal sehr albern. Du mußt Ihnen verzeihen, sie singen sehr gern und sie lieben Dich. Die meisten von Ihnen haben alles von Dir gelesen. Sei nicht so streng mit Ihnen. Aber laß nichtsdestrotrotz die Finger von ihnen. Ich werde bald wieder bei Dir sein, mein schöner Mann.

In Liebe Deine

Conzuela

Conzuela
In Liebe, Paolo Conte

P.S.: Diese Porträtzeichnung, lieber Giovanni, hat PAOLO CONTE gestern abend in seinem Hotelzimmer von mir angefertigt. Ich bin doch wunderbar getroffen. Er ist ein großer Künstler. Ich könnte mich auf der Stelle in ihn verlieben. Gestattest Du es mir? Für eine kurze Zeit?

P.P.S.: Es kann wirklich nichts passieren. Er ist ein Mann mit vorzüglichen Manieren und einem so melancholischen Gesicht. Und einem faszinierend sinnlichen Mund und einer tiefen erotischen Stimme. Danke!

P.P.S.S. Überlege Dir, ob Du eine Eidechse möchtest.

Chorprobe vom 29. Juli 2008

Tagebuch vom 28.07.2008

Ich machte mich gleich heute morgen nach dem Aufstehen ans Geschirrspülen. Die Golddachs hatten gestern abend Gäste und es war spät geworden. Professor Brima war da, super gekleidet, richtig Gentleman. Der Dichter T. Bier, ganz der Weltmann. Loreine Nice, die den weiten Weg gewagt hat. Guido hatte die zu reparierenden Schuhe noch schnell verklebt und ein paar Sechser Dübel durch die Schuhsohlen gejagt. Der Chor Dicke Decke für eiskalte Damenfüsse brachte mit ein paar fetzigen Liedern richtig Schwung in die Bude, und beim Tanz wurde uns allen ziemlich heiß. Ich kümmerte mich zwischendurch ums Buffet und um die Getränke. Unterm Strich wurde viel gegessen. Die Bowle für die Damen war relativ schnell passê, so daß sie, die Damen, konsequent ein wenig ausgelassen wurden. Die Herren ließen sich von den Damen gelegentlich einen Einschenken. Dennoch, maßvoll, zu Ausschreitungen kam es nicht.

Ausgelassene Damen

Ausgelassene Damen

Morgen muß ich wieder fit sein. Solange Conzuela in Neapel ist, so lange werde ich die Chorproben übernehmen. Die Damen wissen noch nichts von ihrem Glück. Aber irgendeiner muß es machen, und ich mache es gerne. Den Tag über habe ich in der Stadt mit verschiedenen Leuten gesprochen, mit einem Chiropraktiker, einem Unternehmer, einem türkischen Friseur, mit dem Inhaber einer Bäckerei. Meine Wünsche hier wie dort trafen auf Zustimmung, keine Wunder also, daß wir uns nach kurzer Zeit einigten. Noch vor der Rückfahrt zum Dachsberg besuchte ich ein Einzelhandelsgeschäft. Das war dann alles in der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits Mittag. Ich machte Notizen, Notizen für die Chorprobe, anschließend ins Konzerthaus, Checks bzgl. der Technik, daß ich weiß, wo der Hase langläuft. Jetzt ist’s bereits dunkel. Meine Augen werden allmählich müde. Es sind noch ein paar Stunden bis Dienstag, aber ich frage mich bereits jetzt unnötigerweise, was mich wohl erwarten wird. Ich denke, ein Haufen wilder Damen.

Nepal – Neapel

Ich mache jetzt kleine Witze: „Nepal – Neapel“. Wie Paris Texas. „Neapel – Nepal“.

Es gibt viel zu tun auf dem Dachsberg. Heu einfahren, Ziegen melken, Kühe treiben, Wespen verscheuchen, Honig anrühren, den Wald fegen. Von morgens bis abends. Golddachs zahlt anständig. Die überraschende Hochzeit mit der Recklinghausen, sie hat ihm aus dem elterlichen Vermögen einiges zugespielt. Das Ehepaar Dorato, also jetzt die Eltern von Tasso, sie hatten ihm vor Jahren schon versprochen, wenn er heiratet, dann bekommt er einen schönen Teil des elterlichen Vermögens noch vor der Zeit zugeschustert.

„Giovanni, sie haben immer befürchtet, ich geh das Geld versaufen, zieh mit leichten Mädchen um die Häuser, hau auf Putz und Kacke. Die Familie Dorato ist in dritter Generation Bürsten- und Besenbinder, aber der Kaufmannsberuf wie das Handwerkliche waren damals nicht mein Ding. Ich trat der Gemeinschaft der Silberspitze bei, studierte Psychologie, Philosophie und die alten und neuen Dichter aus aller Herren Länder. Die Mathematik und die Medizin betrieb ich nebenbei, der Landwirtschaft aber gehört meine ganze Leidenschaft. Die Recklinghausen ist nicht nur eine von Kopf bis zu den Füssen schöne Frau, sie packt zudem an und besitzt weiterhin tausend gesunde Eigenschaften.“

Golddachs, der auf seinem Dachsberg nun Herr über dutzende von Bäumen ist, er kam ins Erzählen. Ich habe bereits eine schöne Portion Kamelkraft getankt und helfe den Doratos beim Saubermachen ihres Anwesens, denn nützlich will ich sein und abgelenkt von den alltäglichen Kümmernissen.

Alles auf Vordermann
Alles auf Vordermann

Während der freien Zeit greife ich zur Hanika. Es ist eine phantastische Gitarre. Ich spiele jetzt die etwas dünneren Savarez Saiten, die Corum 500 AJ. Man muß sehr genau vor die Bundstäbchen greifen, aber sie schwingen und klingen, daß das Vergnügen auch auf meiner Seite ist. Ich sage zur Hanika: „Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite.“ Diese kleinen harmlosen Witze, ich glaube, ich kann sie mir leisten.

Auf nach Neapel

Conzuela Schöner-Fuß ist mit Sing a Song in the Wind per Luftpost nach Neapel. Wegen der zwei Hörner, die meinem Pronto auf dem Kopf gewachsen sind, läßt man ihn weder in Riem noch in Baden-Baden die 2000-Meter-Strecke laufen. Er wäre ihnen davongetobt, mit weiten Schritten. Die gesenkten Hörner durchschneiden die Luft; man hätte ihm noch vier fünf sechs Kilo unter den Sattel zulegen können, der Kerl ist schneller als der Schall.

Gottseidank, seine musische Begabung ist ebenso ausgeprägt wie sein läuferisches Talent. Diese Entdeckung machte Conzuela, als sie den Ungestümen in ihren gemischten Chor Dicke Decke für eiskalte Damenfüsse aufnahm. Neapel, wo Leute wie Nicola Antonio Porpora gewirkt haben, Roberto Murolo, Luigi Lablache, Nino D’Angelo, Sänger, die es in der Welt zu beträchtlichem Ansehen gebracht haben. Dort wird mein Sing a Song in the Wind die hohe Vokalschule absolvieren, um als Cantautori neapolitanische Lieder zu schmettern, die die Welt so noch nicht vernommen hat. Ich hoffe.
Die Familie Golddachs hat mir eine kleine Höhle eingerichtet. Sie sind so liebenswürdig. Um wieder ordentlich zu Kräften zu kommen, haben sie mir für die Nacht ein Oberbett aus feinstem Kamelhaar bereit gelegt, in der Gewißheit, daß die mir während des Schlummers zugeführten hoch-potenzierten homeopathischen Dosen Kamelkraft mich wieder aufrichten. Respektive wieder hoch erhobenen Kopfes durchs wüste Weltall; allein Kamelkraft stärkt. Dieses Tier, das man zu den Paarhufern und Schwielensohlern zählt, paßt sich wie von Zauberhand geführt selbst extremsten Lebenssituationen an. Es ist eine reine Bio-Decke aus der wilden Ödnis der Savanne. Ich schlafe wunderbar. Morgens gibt es ein reichhaltiges Frühstück mit heißer Milch zum Kaffee.

Selten, daß ich im Leben so glücklich war.

Die Hochzeit des Herrn Golddachs

Es sollte eben bis heute ein Geheimnis bleiben: jetzt kann es gelüftet werden, Signore Tasso Dorato, mein geliebter Golddachs, ist in den Ehestand getreten. Er gibt sich heute zum ersten mal zu erkennen, dann nicht mehr. Karin Recklinghausen gehört nun Kraft Ja ich will zur Gemeinschaft der Silberspitze. Wie schön sie geworden ist, das läßt sich nicht beschreiben. Groß war die Aufregung im Blackwood Forest, keine Frage.

Mir selbst fehlen die Worte. Die Recklinghausen, sie ist eine reizende Frau. Ein Bild von einer Frau. Sie ist die Magnolie. Sie besitzt Mut und den so liebenswürdigen Charme und Witz, der uns Männern, ja, wie soll ich sagen… – direkt 100 % angenehm ist und uns anmacht und umwirft. Sie hat diesen Fels von Mann, Signore Tasso Dorato, auf den Mund geküßt, und er, er wurde plötzlich weich in den Knien und stark in der Brust. Ihr Kuß, ein Zauberkuß gewiß, der nur die Liebe kennt -

Giovanni, halt den Schnabel. Gefühlig bin ich. Ausgelassen waren’s allesamt, es wurde getanzt und gefeiert, und Hallo und Spektakel. Die Freude lag auf jedem Gesicht.

Weiter durch die Dunkelheit

Weiter geht es. Immer weiter. Durch die Dunkelheit, vorbei an Hecken und Zäunen. Der schwere schwarze Koffer mit der Hanika-Gitarre darin, die schwarze Aktentasche mit ein wenig Wäsche zum wechseln. Und wieder singe ich I Will Survive und zwischendurch blase ich durch die Backen das Saxophon, zwei Schritte rechts links, vor zurück. Dann fiel mir das Lied Tempo Perdido von Pink Martini ein. Grund genug, es noch ein wenig wilder zu treiben in dieser schützenden Dunkelheit. Es hatte zu regnen begonnen. Ein kühlender Regen. Ich wurde nass und kickte in eine Wasserpfütze. Ich hörte sie flüstern: „Ich bin Puck die Stubenfliege.“ Und mußte lachen. „Glaubst du mir? Ich bin Puck die Stubenfliege.“ Sie hatte sich eine dieser großen Sonnenbrillen gekauft, über sie lachte Conzuela. Mit dieser Brille auf der Nase sehe sie aus wie Puck die Stubenfliege, hm.
Und ich war in dem Moment sprachlos, das heißt, ich konnte nichts erwidern. Wenn sie Puck die Stubenfliege ist, wer bin dann ich. Mir gefällt der Gedanke, ein Kirschbaum zu sein. Die Nacht schickt ihre Geister. Kein Geist bleibt sehr lange. Also tanzte ich und machte eine Figur. Die Arme weit in die Höhe, an den gespreizten Fingern und an der Nasespitze hatten sich Wassertropfen gesammelt. Süße Kirschen das. Unbeweglich blieb ich in dieser Postion, bis ich auch für mich selbst überraschend in eine Sambaschrittfolge überging, Tempo Perdido.

Singing in The Rain

Singing in The Rain

Die Nacht und ihre Geister.

Bald bin ich bei Ihnen

Bald bei Ihnen

Bald bei Ihnen

So kommen wir weiter

Ich bin ein wenig durcheinander geraten. Das lange Schweigen weist darauf hin. Ich rede manchmal auch dann nicht, wenn ich gefragt werde. Das ist okay für mich. Außerdem bin ich blank. Vor zwei Tagen habe ich meine Geldbörse verloren, jetzt ist alles weg. Ich besitze noch zehn Franken. Also habe ich mein Cello wieder verkaufen müssen, denn mit ihm läßt sich erst in zwei drei Jahren etwas verdienen. Der Verlust aus dem Verkauf ist hoch. Das Geld, das man mir für die Miete übergeben hatte, habe ich für einen Auftrag an einen Bronzegießer ausgegeben. Merlo Merlo MerloAber das Denkmal, das ich allen Amseln setzen wollte, stieß auf Ablehnung. Man hält mich in Vernazza wieder einmal für übergeschnappt. Ich habe mich also auf die Socken gemacht. Zu Fuß bin ich weiter, Richtung Schweiz. Es war ein langer Weg, und auf diesem Marsch verlor ich noch meine letzte Barschaft. Ich betrat die Schweiz in Laufenburg. Etwas müde, aber noch so gut bei Kräften, daß ich über die Rheinbrücke weiter geradeaus Richtung Murg und dann rechts links weiter bin zum Dachsberg. Mein guter Golddachs ist seit kurzem Besitzer eines Berges, des Dachsberges.

Der Berg von Golddachs

Ich werde ein paar Tage dort bleiben, und dann, ja, geht’s weiter. Ich bin jetzt stur, was soll’s. In der Hosentasche habe ich noch ein paar Pfefferkörner und drei Stangen Süßholz gefunden, die geben einen anderen Geschmack im Mund. Nebenher mache ich Notizen, vielleicht wird mal ein Buch daraus. Allerdings, dafür braucht man Sitzfleisch. Naja. Was immer auch passiert, mein Herz brennt, hin zu ihr, Conzuela Schöner-Fuß. Ich hoffe dann, daß mir nicht der Atem stockt, und das ich sagen kann, was ich sagen will. Ich muß jetzt gleich links abbiegen, Richtung Görwihl Dachsberg. Meinen Proviant verstaue ich wieder in der Hosentasche. Mein Gott, wie ich mich freue.

Reiseproviant auf Notizen

Reiseproviant auf Notizen

 

 

Ein überraschendes Erwachen

Der Duft von Ingwer weckte mich und ich wähnte mich im Himmel. Wo keine körperliche Schmerzen mehr existieren, Hunger und Durst gestillt sind, seelisches sich voll entfalten kann. Seit die Merlos bis auf weiteres ihr Nest verlassen haben, schlafe ich auf dem Balkon neben dem Nest, hoffend, daß sie noch einmal Platz nehmen werden unter den Tomatenpflanzen, hier bei mir, wo sie so sicher aufwuchsen wie in Abrahams Schoß. Vor zwei Tagen hatte ich eine junge tote Amsel nicht weit entfernt auf einer stillen Wiese liegen sehen, alles ist so dumm und überflüssig, dachte ich. Das Leben stimmte mich nach langer Zeit wieder traurig. Die Vergänglichkeit des Lebens, dieser ganze Klamauk und Unfug, die Sorge, mal schwer, mal leichter zu ertragen.

Der Duft von Ingwer und die hellen Worte der Recklinghausen weckten mich: „Ich glaube, er kommt wieder zu sich.“ Die Recklinghausen, Gott, hatte sie sich gemausert, recht schick sich in Schale geworfen. Ich hörte die tiefen brummenden Worte meines geliebten Golddachs und blieb unverhältnismäßig lange und uncharmant an den recklinghauseschen Beinen hängen. 

In diesem Moment

In diesem Moment

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