Ja, es ist so, das einfache Leben erfüllt mich derzeit. Ich verlasse morgens um 6.30 Uhr mein Bett, trinke Kaffee, esse zwei Brote, ein Ei, dann mache ich mich auf. Meine Gedanken beschränken sich auf mein Tagwerk, d.h. ich räume im Blackwood Forest auf. Über weite Strecken wurden ab Todtmoos-Au Bäume gefällt, da gibt es für einen Mann allerhand zu tun. Ich bin gerade auch deswegen so heiter, weil mich keine intellektuellen Auseinandersetzungen bedrängen. Schwierige Überlegungen, da vergeht mir der gesunde Appetit, die muß ich zur Zeit nicht haben. Worte wie Direktinvestition, Public Private Partnership (PPPs), bzw. auch Doing Buisness Report, sie sind völlig unmelodiös, sie lassen mich kalt. Bevor ich das Haus verlasse, suche ich mir einen Besen für die bevorstehenden Aufgaben, hoch droben im Wehratal auf 1123m.
Den lieben langen Tag an der frischen Luft, mittags esse ich im Gasthaus Zum brüllenden Ochsen Tafelspitz, aber wiederum auch nicht jeden Tag.
Dennoch, Tafelspitz, könnte ich auch jeden Tag. Aber dann würde keiner mehr hier lesen, würde ich jeden Tag mit derselben Mitteilung kommen: Heute gab es Tafelspitz. Ein, zwei Wochen wäre das komisch und vielleicht auch lustig, aber dann -? Donnerstags gibt es aber immer Tafelspitz. Und heute ist Donnerstag. Heute gab es also Tafelspitz. Ich fühl mich lässig. Aber wahrscheinlich interessiert einfach mehr, wie ich heute morgen um gegen ca. 7.25 Uhr Mäuse aus dem Fenster von Signore Lucertole springen sah. Ein ziemliches Theater spielte sich vor Luccis Wohnungstür ab. Es ist bekannt, daß der Bruder von Mäuse, Luigi Commodore, aus Ispani angereist war, um seine verrückte Schwester, wie er sagt, aus den Fängen des feingliedrigen Lucertole zu befreien.
„Mach die Tür auf, Lucertole! Ich schlag sie sonst ein. Ich weiß, daß Mäuse bei dir ist. Mach die Tür auf! Mäuse, du kommst jetzt auf der Stelle zu mir heraus. Ich bringe diesen lombardischen Verführer um. Ich breche ihm jeden einzelnen Knochen im Leib!“
Er schlug gegen die Tür wie ein Behämmerter, völlig von Sinnen. Er tobte, als habe sich der Leibhaftige seiner angenommen. Der Mann war außer sich. Er trat mit seinen spitzen Angeberschuhen gegen die massive Tür und warf seinen schwächlichen Körper mit aller Wucht gegen sie. Endlich rutschte er erschöpft und mit einer geprellten Schulter stammelnd an ihr herunter. Sein ganzer Leib zitterte unter der Heftigkeit seiner Gemütsbewegung. Er weinte, schluchzte und hob die Arme gegen mich:
„Giovanni, wohin des Weges an diesem schönen Morgen? Zum Waldfegen?“
Ich half ihm auf die Beine, reichte ihm einen stabilen Besen, auf den er sich halbwegs sicher stützen konnte, fasste ihn an seiner linken Seite unter, wir gingen langsam in diesen ruhiger werdenden Morgen. Während die gute Mäuse auf der Rückseite des Hauses aus dem niederen Fenster hüpfte. Mein Gott, ich schnüffelte wieder ihr Acqua die Parma, sie, die mich so sehr an Audrey Hepburn erinnert.
Luigi Commodore half bei den Aufräumarbeiten. Wütend fegte er die Blätter und Stöckchen zusammen und stieß mit seinen spitzen Angeberschuhen und unaussprechlichen Fluchworten die Tannenzapfen weit ins Tal. Auf den Schultern trug er Placken von Moos, die die Schmerzen linderten. Am Mittag aß er mit mir Tafelspitz. Er schlief dann ein, der arme Teufel.

Mäuse auf der Flucht vor Luigi
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