Archiv für August 2008

Freitags an die Uni

Freitags gehts nach Freiburg an die Uni, proforma. Meist hänge ich mit Conzuela in der Lingerie-Abteilung vom Breuninger herum. „Ist schick“, sage ich, mehr nicht, dann gehts Richtung Markthallen, wo wir was Essen und Trinken. Meist ist es dann 15 Uhr und meine Vorlesung bereits gelaufen, wenn ich mich nicht beeile. Aber dafür rumpelts im Magen zu doll, und einen Espresso habe ich auch noch nicht getrunken. Ich schreibe neuerdings meine Mitteilungen in das GPS-System, das Conzuela in ihr Auto hat einbauen lassen. Mein Eintrag klingt jetzt ein wenig durcheinander, aber so geht es mir immer, wenn ich an der Uni vorbeikomme, wo ich eigentlich sitzen sollte. Aber ich sagte ja, die intellektuellen Ausflüge, ich werde das Semester im nächsten Jahr wiederholen müssen, dann doch zielstrebiger ran.

Bratwurst am Dom
Bratwurst am Dom

Es gibt später noch eine Bratwurst am Dom. Eine klassische Bratwurst. Sie macht richtig Durst, doch in Freiburg begegnet man mittlerweile dem öffentlich schwadronierenden Trinken alkoholischer Getränke mit drastischen Mitteln. Ich bin genügsam, Wasser reicht. Conzuela steht auf so Ingwer/Ginger-Limonade ohne Zucker. Ich steh auf Conzuela, und am Abend dann in meiner Höhle, – die Welt. Die Welt ist verschieden, mal so mal so. So ungefähr. Und Kierkegaard werde ich vielleicht später noch verstehen. Gott, ich hoffe, ich trete nicht schon wieder ins Fettnäpfchen. Zerkleinert und in einem hellen Pappkarton serviert, Tomatenketchup und Currypulver drauf, ein echtes Kraftfutter und ein Gutelaunemacher.  Man fühlt sich fast wie zuhause im Ruhrgebiet.

Keine Frage

Ja, es ist so, das einfache Leben erfüllt mich derzeit. Ich verlasse morgens um 6.30 Uhr mein Bett, trinke Kaffee, esse zwei Brote, ein Ei, dann mache ich mich auf. Meine Gedanken beschränken sich auf mein Tagwerk, d.h. ich räume im Blackwood Forest auf. Über weite Strecken wurden ab Todtmoos-Au Bäume gefällt, da gibt es für einen Mann allerhand zu tun. Ich bin gerade auch deswegen so heiter, weil mich keine intellektuellen Auseinandersetzungen bedrängen. Schwierige Überlegungen, da vergeht mir der gesunde Appetit, die muß ich zur Zeit nicht haben. Worte wie Direktinvestition, Public Private Partnership (PPPs), bzw. auch Doing Buisness Report, sie sind völlig unmelodiös, sie lassen mich kalt. Bevor ich das Haus verlasse, suche ich mir einen Besen für die bevorstehenden Aufgaben, hoch droben im Wehratal auf 1123m.

Den lieben langen Tag an der frischen Luft, mittags esse ich im Gasthaus Zum brüllenden Ochsen Tafelspitz, aber wiederum auch nicht jeden Tag.
Dennoch, Tafelspitz, könnte ich auch jeden Tag. Aber dann würde keiner mehr hier lesen, würde ich jeden Tag mit derselben Mitteilung kommen: Heute gab es Tafelspitz. Ein, zwei Wochen wäre das komisch und vielleicht auch lustig, aber dann -? Donnerstags gibt es aber immer Tafelspitz. Und heute ist Donnerstag. Heute gab es also Tafelspitz. Ich fühl mich lässig. Aber wahrscheinlich interessiert einfach mehr, wie ich heute morgen um gegen ca. 7.25 Uhr Mäuse aus dem Fenster von Signore Lucertole springen sah. Ein ziemliches Theater spielte sich vor Luccis Wohnungstür ab. Es ist bekannt, daß der Bruder von Mäuse, Luigi Commodore, aus Ispani angereist war, um seine verrückte Schwester, wie er sagt, aus den Fängen des feingliedrigen Lucertole zu befreien.

„Mach die Tür auf, Lucertole! Ich schlag sie sonst ein. Ich weiß, daß Mäuse bei dir ist. Mach die Tür auf! Mäuse, du kommst jetzt auf der Stelle zu mir heraus. Ich bringe diesen lombardischen Verführer um. Ich breche ihm jeden einzelnen Knochen im Leib!“

Er schlug gegen die Tür wie ein Behämmerter, völlig von Sinnen. Er tobte, als habe sich der Leibhaftige seiner angenommen. Der Mann war außer sich. Er trat mit seinen spitzen Angeberschuhen gegen die massive Tür und warf seinen schwächlichen Körper mit aller Wucht gegen sie. Endlich rutschte er erschöpft und mit einer geprellten Schulter stammelnd an ihr herunter. Sein ganzer Leib zitterte unter der Heftigkeit seiner Gemütsbewegung. Er weinte, schluchzte und hob die Arme gegen mich:

„Giovanni, wohin des Weges an diesem schönen Morgen? Zum Waldfegen?“

Ich half ihm auf die Beine, reichte ihm einen stabilen Besen, auf den er sich halbwegs sicher stützen konnte, fasste ihn an seiner linken Seite unter, wir gingen langsam in diesen ruhiger werdenden Morgen. Während die gute Mäuse auf der Rückseite des Hauses aus dem niederen Fenster hüpfte. Mein Gott, ich schnüffelte wieder ihr Acqua die Parma, sie, die mich so sehr an Audrey Hepburn erinnert.

Luigi Commodore half bei den Aufräumarbeiten. Wütend fegte er die Blätter und Stöckchen zusammen und stieß mit seinen spitzen Angeberschuhen und unaussprechlichen Fluchworten die Tannenzapfen weit ins Tal. Auf den Schultern trug er Placken von Moos, die die Schmerzen linderten. Am Mittag aß er mit mir Tafelspitz. Er schlief dann ein, der arme Teufel.

Mäuse auf der Flucht vor Luigi

Mäuse auf der Flucht vor Luigi

Eine Himmelsmacht

Denn um nichts anderes geht es hier, die Liebe. Das dürfte mittlerweile jedem klar sein, denn die Liebe, eine Himmelsmacht, sie öffnet die Herzen für das Schöne im Leben. Und dennoch, mit gleicher elementarer Wucht wird durch sie auch das Schmerzliche erfahren. Die Liebe zu einer Landschaft, die Liebe zu einem Menschen, zu einem Tier, zu Musik und Malerei und zur Dichtkunst, zu sich selbst, sie ist Quell und Labsal. Ein Mensch, der verlassen in der Welt umhergeistert, ist ein armer Mensch. Sieht er am Morgen nicht mehr die aufgehende Sonne, den blühenden Kirschbaum, und schmeckt er nicht mehr dessen rote süße Früchte, kann er nicht begeistert den flinken Bewegungen der Eidechse folgen, rührt ihn ein Musikstück nicht mehr zu Tränen, fühlt er sich ausschließlich von Missgeschick und Ablehnung verfolgt, mag er sich nicht mehr hingeben aus Furcht vor weiterer Enttäuschung, dann schleicht er düster und mit Vorwürfen im Herzen seiner armseligen Wege.

Wenn ich mit Lorenzo spazieren ging, sonntags im nahen Stadtwald, da kam kein böses Wort zwischen uns. Es waren anregende und wohltuende Gespräche. Lorenzo, der drei Jahre älter war, liebte die Musik. Durch ihn lernte ich die Beatles kennen, Billy Preston und Elvis Presley. In seinem Zimmer hingen die Bravo-Starschnitte von Paul McCartney und Winnetou und Old Shatterhand. Ich kann mich nicht erinnern, daß er jemals schlecht gekleidet war. Seine hübschen Hemden hingen im Schrank auf Bügeln, daß sie nicht knitterten, blank geputzt waren seine ledernen Schuhe. Er roch nach Farnseife und seine Hände waren gepflegt. Meine Zuneigung zu Lorenzo befreite mich von allen Sorgen. Die Tage mit ihm waren von einer großen Leichtigkeit. Lorenzo kam bei einem Autounfall ums Leben. Er besaß damals auch ein paar Singles von Neil Diamond. Und wenn er aus seinen hübschen Hemden herausgewachsen war, trug ich sie noch eine Zeit lang. Lorenzo und ich, wir paßten gut zusammen. Es war sehr schmerzhaft, als er zwei Wochen vor seinem sechzehnten Geburtstag starb. Ich war zwölf und konnte das alles überhaupt nicht verstehen.

Giovanni und Lorenzo

Giovanni und Lorenzo

Die Merlo-Tomate

Conzuela, das dürfte klar sein nach meinen letzten Reisebeschreibungen, ist aus Italien wieder zurück. Sing a Song in the Wind studiert jetzt Gesang und ist Sparring-Partner auf der Galopp-Rennbahn in Mailand. Ich bin darüber natürlich sehr glücklich. Die Italiener hätten ihn auch wettkampfmäßig die 2000m galoppieren lassen, sie sind da nicht so, aber mein guter Pronto wird sich professionell der Musik widmen.

Frühstücksbuffet

Frühstücksbuffet

Conzuela hat noch die Früchte eingefahren, die die Merlos auf meinem Balkonplatz in Vernazza hinterlassen haben. Die kleinen, süß schmeckenden und bißfesten Tomätchen unterscheiden sich sehr von der beliebten holländischen Lufttomate, eben durch ein Mehr an Geschmack. Die Merlos haben an den Pflanzen echte Wunder gewirkt. Ein Geschenk an mich, der mit großem Engagement und Einfühlsvermögen das Heranwachsen der Merlokleinen überwachte. Naja, ein wenig gehe ich stolz umher, und wenn ich an der Kasse vom Tengelmann stehe, dann in der für alle sofort erkennbaren Position und Klarheit, daß sie gleich wissen und tuscheln: „Der Mann hat heute abend noch Sex.“ Ich stehe an der Kasse wie jemand, dem man ansieht, daß er am Abend noch SEX hat. Gott, die Kassiererinnen himmeln mich an. Naja, ist doch gut!

Ich habe das mit dem Sex jetzt gut geregelt. Viel habe ich bisher da nichts durchdringen lassen, aus Scham, ja grundsätzlich bin ich ein verlegener Mensch. Aber jetzt, wo alles so wunderbar geklappt hat, kann ich mein Heu einfahren, daß heißt auch, sobald sich die Gelegenheit ergibt, lasse ich sie nicht ungenutzt und habe SEX. Ist doch cool. Ich habe mit den Leuten gesprochen, überall, an den Straßenecken, auf der Piazza del Torro, im Hinterland, in den Büro- und Verwaltungsgebäuden, an Flußufern, in stillen Winkeln, in den Bars und Peepshows, beim Pferderennen, während des Beischlafs. Überall hat man mir gesagt, daß sie von nichts anderem Träumen, als von einem Sechser im Lotto, dem Gewinn einer hochdotierten Dreierwette mit anschließendem Sexualverkehr. Ja bitte, so will ich es halten. Auch wenn ich kein Lotto spiele. Einzig Swoboda, den ich in Todtmoos im Gefängnis besucht habe – sie wissen, wegen des unter Alkoholeinfluß krummgefahrenen Ortseingangsschildes -, um ein Gnadengesuch für ihn zu erwirken, er kann mit all dem, was ich bisher zu sagen hatte, nicht das geringste anfangen. Er sitzt auf seinem Büßerbänkchen, wie jemand, der am Abend keinen Sex haben wird. Schade.

Der Gefängnismensch Swoboda

Der Gefängnismensch Swoboda

Mit der Zeit vertan

So’n dünner Kaffee, wer konnte davon wach werden. In Waldshut-Tiengen, in Waldshut-Tiengen, da habe ich den dünnsten Kaffee aller Zeiten getrunken, das kann sich keiner vorstellen. Zumal deshalb war es so ärgerlich, weil für 23 Uhr die Mondfinsternis angekündigt worden war, und die wollte ich, stramm den Blick nach oben gerichtet, verfolgen. Um zehn vor 23 Uhr kam es zwischen mir und Conzuela zu einem Meinungsaustausch. Weil das angekündigte Non-Moonlight-Special um 23.41 immer noch nicht stattgefunden hatte, rief ich Robert Ragun an, der mich darauf aufmerksam machte, die ganze Totalverfinsterung sei schon vor zehn vor 23 Uhr eingetreten, ich müsse nur dem Verlauf des Lichtkranzes folgen, dann sei alles klar. Ich vermute sehr stark, daß ein Praktikant von dem Radiosender alles durcheinander gebracht hat. Achja, komm, wir sind dann Richtung Titisee, durch diese herrliche Landschaft, rauf zum Dachsberg, da sind wir dann angekommen und kurze Zeit später jeder für sich eingeschlafen. 8.59 Uhr in der Frühe war ich dann auf. Die Recklinghausen zimmerte bereits an ihrem Karnickelstall, Golddachs mähte die Wiese, ich winkte ihnen vom Fenster aus zu. Ich war und bin auch jetzt noch richtig guter Laune. Wo gibt’s heute so was noch?

Das sind sie alle

Golddachs und seine Frau Karin Recklinghausen, Eigentümer des Dachsberges und dort mit festem Wohnsitz. Conzuela Schöner-Fuß, die zarte Indianertochter. Achim Püttmann, der bei der Landung latent nervöse Weltraumfahrer. Robert Ragun, der abgeklärte Pilot. Guido Zeman, mal hier, mal dort anzutreffen. Peace Spiderman, der Außerirdische. Professor Brima und der Dichter T. Bier. Fuzzy Bär, der stille Mann im Kontrollturm. Loreine Nice, wachsam und die Fäden spinnend. Sing a Song in the Wind, Rennpferd und derzeit vor dem Prüfungssauschuß an der Hochschule für Gesang in Neapel. Signore Lucertole, der Tontechniker aus Ispani mit seiner Mäuse aus der Lombardei. Luigi Commodore, der eifersüchtige Bruder von Mäuse. Helmut Deschön, der Mann von der Pinkpresse, den wir alle so richtig verarscht haben. Und der Fotograf Swoboda, der wegen einer Trunkenheitsfahrt, die an dem Ortschild von Todtmoos abrupt endete, im Kerker derseligen Ortschaft sein unnützes Lebens vergeudet. Sie alle stehen für etwas im Leben, für Erfolg und Niederlage. Habe ich bei der Zusammenfassung und Vorstellung jemanden vergessen. Giovanni Impermeabile, der sich halt durchschlägt. Und zu guter letzt die Familie Merlo, ausgeflogen und verstreut in den Weiten des sommerlichen Himmels, fort. Schorschi und Mademoiselle Ninett, zu allerguterletzt.

Zentrale

Im Golddachsschen Anwesen werden wir die letzten Monate Revue passieren lassen. Man sieht sich.

Fuzzy, Giovanni, Loreine, T.Bier,

Fuzzy, Giovanni, Loreine, T.Bier,

Leben in anderen Realitäten

Spiderman, jawohl Peace Spiderman, Peace Spiderman war mit an Bord. Wer will jetzt noch zweifeln. Furcht ist völlig grundlos. Wenn Spiderman die Hand zum Gruß erhebt, dann lächelt er: „Peace.“

Hi peoples

„Hi Peoples.“

Die Landung der Tullus alpha 11

Butterweich setzte Robert Ragun seine Rakete auf den Wertstoffhof der Atlas AG auf. Gerade rechtzeitig zu Achims Fünfzigsten. Dann wurde erst einmal tüchtig gefeiert, gegessen und getrunken, bis sich die Gesellschaft verdoppelt hatte. So einfach geht das. Natürlich steuert die Tullus alpha 11 bald wieder los. Hinauf in Atmos- und Stratosphäre, durch Milchstaßen voller Sterne, vorbei an pumpenden Gasplaneten, verfinsterten Monden, durch kahle luftleere Räume, baumlos, menschenleer, spartanisch. Hinauf in diese Unendlichkeit, in der vielleicht auch Leben existiert.

Ein Feiertag

Giovanni und Tante Dosis

Tante Dosis und Gitarren-Giovanni

Zum 50jährigen Jubiläum.

Tante Dosis überreicht dem Raketenmann Giovanni eine Hanika -Gitarre.

Eine Meisterarbeit

Eine Meisterarbeit

Italienische Leidenschaft

Oje oje, damit hatte ich nicht gerechnet. Heute morgen stand bedrohlich Luigi Commodore vor dem Höhleneingang, der Bruder von Mäuse. Oh, Cinque Terre und Madre mia, so schnell habe ich noch keinen Italiener die Mutter Gottes aus dem Himmel rufen hören, wie Luigi die Heiligen um Beistand anging. Grundgütiger, dieser Mann geht keiner Arbeit nach, sondern er verfolgt seine Schwester seit Jahren auf Schritt und Tritt. Signore Lucertole „er ist nicht der Richtige für Dich, Mäuse. Er ist ein genialer Techniker, aber er kommt aus Ispani. Und die Leute aus Ispani sind nicht wie wir, Mäuse. Pack deine Sachen und komm.“

Du kommst sofort mit

Signore Lucertole hat dem eifersüchtigen Bruder erst einmal einen Espresso angeboten. Die lange Reise zum Dachsberg hatte Luigis Temperatur erhöht, und die bedrohlichen Vorstellungen, die sich für seine Schwester aus dem Umgang mit Lucci ergeben würden, waren mittlerweile zur unabwendbaren Realität herangereift. Erst als Lucci Luigi für einen Moment auf seinem heißen Stein Platz zu nehmen gestattete, beruhigte sich der an sich sehr symphatische Bruder von Mäuse und schämte sich fast sogar ein paar Grad wegen seiner wilden Anschuldigungen.

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