Archiv für Januar 2009

Post von Mariposa Island

Am Morgen erreichte mich ganz zärtliche Musik. Es war gerade erst 5.39 Uhr als ich aufstand. Mein Gott, ich hatte dicke Augen, die Knochen schmerzten, und ich stieß in der Dunkelheit mit dem dicken Zeh gegen die 1-kg-Hantel. Himmel, rief ich wieder zu Gott, da könnte doch jetzt ein Tässchen Kaffee ganz gut tun. Die Bohnen tanzten in der elektrischen Mahlmaschine. Meine Hände waren nur ein wenig steif, als ich den Deckel doch richtig aufgesetzt und zuerst vom Boden gefischt hatte. In dieser morgenlichen Kühle trank ich in der Indianerposition auf den Stufen zur Balkontüre das mit Rohrzucker und warmer Milch aufgepeppte Heißgetränk. Eine Wohltat sondergleichen. Ich hatte den Rechner bereits angeworfen. Meine schöne Indianertochter war wieder gut zuhause angekommen, sie hatte mir Rauchzeichen per Email zukommen lassen und diesen Song. Stille Gedanken kräuselten sich und ruhten doch schon wieder. Bald wolle sie wiederkommen, einen Badteppich mitbringen, das ihre viel kleineren Füße als die meinen, nicht frieren auf den nackten Fliesen. Daß, wenn sie aus der Wanne steigt, bereits aufgeweckt und: „Aah, ist der Kaffee fertig?“ schön das Handtuch oberhalb des Busens festgezurrt, im Speisezimmer Platz nimmt. „Zwei Euro Vierzig. Mit frischem Brot und Butter, Ei und Käse.“

Der Lockruf des roten Vogels

Ich folgte dem Lockruf des Vogels. Es war ja ein sehr freundlicher sonniger Tag. Und also fuhren wir Richtung Ammersee, wo Mutter und Vater vor Jahren auf einem Bauernhof sich vom Leben erholten. Damals lebte Felix noch, der kartoffelverfressene Hund aus dem Heim für abgeschobene Rüden. Vater hatte ihn in seine Obhut genommen und in der Küche stand darauf hin immer ein gut gefülltes Schälchen mit Lecki Lecki. Leberwurstbrote, Broccolistückchen und Haferflocken mit Lecki Lecki.

Am Ammersee, in Inning, sprach ich mit einem Vogel. Ein kleiner Kerl mit rotem Gefieder. Die frische Luft und der zugefrorene See tauten meine Seele auf. Und als wir uns verabschiedeten, sagte der rote Vogel, wegen einer Tankstelle müßten wir schauen. 31,18 Liter Super und Conzuela Schöner-Fuß bretterte dann ungefragt zum Schloß Seefeld, wo ich mich auf dem Parkplatz fast hingelegt hätte. Alles spiegelglatt. Aber als wir dann vor einem Gebäude standen, und das war natürlich auch direkt überraschend, wir standen plötzlich vor einem Gebäude,  da stand darauf Der-Gute-Ofen. Weil es zudem zusätzlich kalt war, rief ich enthusiastisch:

„Himmel, da will ich hinein.“

Der rote Vogel spricht

Du wirst ein erfülltes Leben führen

Und weil es so schön warm war, und der rote Vogel zu mir gesprochen hatte: „Du wirst ein erfülltes Leben führen, an nichts wird dir mangeln.“ Da fing ich aus heiterer Seele an zu preisen und zu quatschen und deutete auf den schicken Kamin von Blomus hin. „Gebürstetes Edelstahl, mit Bio-Alkohol befeuert, verbrennt völlig rauchfrei. Blomus ist berühmt für seine innovativen Designs. Mit allerhand Preisen ausgezeichnet.“

Da saßen wir vor einem großen Ofen, in dem Holz knisterte und Conzuela begann, es sich deutlich gemütlich zu machen. „Stelton, Himmel schau, Stelton ist auch hier vertreten. Machen sehr gute Dinge im Bereich Tischaccessoires: Kaffeekannen, Salatschüsseln, Pfefferstreuer, Zuckerschalen, Aschenbecher. Auch alles ziemlich hochwertig, was Stelton kreiert. Sie zeigen die großen Designer hier, und Stelton gehört fraglos dazu. Ihr Werkstoff: Edelstahl, auch in Kombination mit hochwertigem Kunstoff. Carl Mertens !“

„Kennst du hier jemanden?“

„Neinnein, hier der Shaker, das Barset, das ist von Carl Mertens.“

„Achso, ich dachte, du hättest einen Bekannten gesehen.“

„Nana, aber weißt du, was ich gerne hätte, die Havana Parete, bzw. die Havana terra, die Stehleuchte von Foscarini. Für so ein richtiges Kuschellicht für uns zwei. Die Havana Parete steht im Museum of Modern Art in New York, und auch im Guggenheim Museum. Foscarini ist bekannt für mundgeblasenen Leuchten aus Muranoglas. Sie haben anfangs ihre Einzelstücke in die arabische Welt geliefert, für Hotels, Paläste usw. Da bin ich direkt schwach.“

„Du wohnst doch schon in einem Museum. Was du nicht alles weißt.“

„Jaja, ich habe früher Präsentationen für Baumärkte und Möbelhäuser geplant. Das Feinste vom Feinsten.“

Später saßen wir in der Schlossgaststätte. Gewürzte Fleischpflanzerl mit Nockerln in Pfifferlingsoße, für mich Ansbacher Durcheinander mit Lebenswurst. Dann geriet Conzuela ins Grübeln, wegen des Espresso hinterher. „Ne“, war meine entschiedene Antwort, „Zwei Euro Vierzig für so ein kleines Tässchen, wir leben in der Krise. Das sind 4,80 DM. Da kannst du mir lieber ein halbes Pfund für schicken.“

Bevor wir dann Richtung Gräfelfing sind, haben wir in dem Seefelder Kino, das sich innerhalb des Schloßhofes befindet, schließlich und doch auch letztendlich unseren lebensnotwendigen Espresso getrunken. Für 1,50 das Tässchen, das war drin.

P.S.: Conzuela flüsterte mir im rotlichtigen Ambiente des Seefelder Kinos zu, daß sie mich in diesem Moment sehr sexy findet. Der Lockruf der schwarzen Indianertochter.

Erfreuliche Mitteilungen

Ich setze mich täglich an meine alte Adler-Schreibmaschine und hacke Satz für Satz runter. Seit Tage mache ich das so.  Manchmal geht es langsam vorwärts, manchmal geht es rasch. Gelegentlich greife ich zum Notizbuch, aber meistens habe ich alles im Kopf. Es sind Erlebnisse, die ein paar Jahre zurückliegen, Oktober 2002. Ich hatte vor diesem Zeitpunkt bereits auch ein paar Dinge durchgezogen, aber im Oktober 2002 fing ich schon wieder eine neue Sache an.  Ich kann auch beruhigt schreiben, weil die Indianertochter mir etwas Futtergeld geschickt hat und die Miete für zwei weitere Monate gesichert ist. Ich verlasse nur kurz die Wohnung um etwas Eß- und Trinkbares zu besorgen. Gelegentlich greife ich zur Gitarre. Telefongepräche halte ich sehr kurz, es sei denn, Conzuela ruft an. Ich lebe wie ein Eremit, ernähre mich von kleinen Portionen rohem Sauerkraut, Brot und Salz, täglich zwei Löffel Olivenöl und Bratkartoffeln mit Zwiebeln und billiger Blutwurst. Auf Liköre und genüßliche Weine, wie sie sich die Mönche brav zuprosten, verzichte ich, denn mit dem Futtergeld von Conzuela wage ich kein Schindluder zu treiben, das wäre nicht richtig. Außerdem schickt sie Kaffee und Süßholz. Ein Leben wie Gott in Frankreich.

Nachtrag zum Geistersonntag in Gräfelfing

Um acht Uhr in der Früh am Sonntag, die Eiszeit liegt auf den Scheiben ihres kleinen Wagens, eines: Peugot? Die blieben aber auch beschlagen, als wir das Eis weggekratzt hatten. Ich hatte gehört, von Prof. Brima, man darf den Wagen nicht einfach nur mehr leer warmlaufen lassen. Also fuhren wir blind zur Tanke, die seit 1. Januar ARAL ist und nicht mehr Shell. Ich kaufte ihr dort einen Diamanten und eine Flasche Enteisungsflüsssigkeit. Zwei Halbblinde sehen immer noch mehr als einer. Später trank ich im Verlaufe des Tages Tee und wohl auch Kaffee. Einen Zigarillo genehmigte ich mir am Nachmittag oder am Abend. Und aus einer ganz anderen Ecke plötzlich ein Cello, mein Cello aus Mailand dachte ich sofort, die Klänge besänftigen mich. Ich sitze vor meiner Schreibmaschine, das Cello macht alles leicht und luftig, mal auch Tränen lockend. Aus Augsburg dann der erste Zwischenbescheid. Ja, sie sei angeschnallt gefahren, auch habe sie während der Fahrt nicht am Handy gesprochen, überhaupt, es war ganz scheußlich kalt gewesen und man hätte erst einen Holzofen füttern müssen. Erst am Nachmittag habe sie wieder etwas Wärme verspürt und den langen Wintermantel abgelegt. Ich sorgte mich, kalte Räume sind bittere Orte.

Jedenfalls, die Celloklänge, sie schwingen und kommen mit weiten Bögen, alles sehr nachdenklich. Ich saß an der Schreibmaschine und wollte was wegbrezeln. Ich konnte in diesem Moment nicht anders, als einverstanden sein mit so viel farbigem Hokuspokus. Mir sind die Hände gebunden. Es gibt so eigentümliches Zeugs, das aus der Welt zu schaffen, ist relativ unmöglich. Was würde ich jemand raten, der ins Dschungelcamp will, laß’ dich nicht aufhalten. Für so etwas so wunderbar strahlend Verrücktes muß doch auch mal gedankt sein…

Am Mittag fing ich mit meinen Filmen an. Dreh, Cut, das Licht stimmt nicht, Vorhänge, wo sind Vorhänge? Muß Conzuela daran erinnern und mich ans Erinnern in den Hintern treten, wegen der Bohrmaschine. Ich besitze keine Bohrmaschine. Für die wenigen Löcher da in der Wand. Jetzt muß ein Stoff vor die Balkontür. Also muß ich mir eine Bohrmaschine leihen. Das Licht ist nicht gut, oder spiegelt sich, das heißt, natürlich ist ein sonniger Wintertag schön. Auch wenn ich die ganzen Aufnahmen verpatzt habe. Ich bin jetzt in dieser sehr abenteuerlichen Stimmung, die jeder kennt, wenn er sich auf die Socken macht. Signore Lucertole hat den Sound jetzt im Griff und leitet alles vom Dachsberg herunter. Während Mäuse-Marie mehr noch schön ist als wie eine Rose.

Am Abend machte ich noch ein paar andere Sachen. Später ging ich zu Bett. Inzwischen war Conzuela zuhause gut angekommen. Dort, wo mein geliebter Golddachs und seine Karin Recklinghausen weiterhin im Liebestaumel dem Himmel nahe sind. Wo Sizilien T. Bier wieder hat. Gott, jetzt werde ich sentimental, das Cello, was will man zu einem Cello sagen? Ein schönes Instrument.

From Mariposa Island

From Mariposa Island

Das Reich der Geister

Das bunte Reich der Geister erwacht um 6.30 Uhr Sonntag. Nach einer unruhigen Nacht für Conzuela. Sie hatte an ein paar Stengel Kräuter gerochen, wie das Indianertöchter eben halten. Und die Wirkung ist, ich habe die Nacht die seltsame Frau gehört. Sie hat in den Hausflur geschimpft, daß man auf sie aufmerksam wird, daß sich noch jemand für sie interessieren würde. Ich weiß nicht, was sie damit sagen will. Am frühen Morgen aber lag ich schon auf meinem Kissen, atmete und stärkte meinen Rücken. Die Indianerin war also über Nacht geblieben. Ich sagte:

„Ich liebe es, wenn du da bist.“

Und sie sagte: „Du bist schön.“

Und ich schwieg. Und Schöner-Fuß fühlte sich so samtseidenweich.

Soll ich es noch einmal sagen? – Hör, was ich dir zu sagen habe: Du bist schön.

„Ich liebe dich“, war meine Antwort und rieche noch dein Haar nach Birkenteer, so nah, das ich so nah so nah an dich denke und rieche dein Haar, das stark duftend nach Birkenteer.

Und am Morgen diese Geister. Der Kältegeist kriecht. Anschließend: Kaffee, Ei, Brot, Käse und die warme Milch. Aus der Nachbarwohnung hört man wieder das Aufheulen von Leben. Von einem Leben, das so anstrengend ist, weil man Türen schlagen muß. Von einem Leben voller Einsamkeit und tiefer Freudlosigkeit. Von entwöhntem Leben, als Vorsicht getarnt,  auch die nervliche Anspannung. Von bitteren Verluste ist die Rede, vom allmählichen Nachlassen der Kräften, auch von doch auch schönen Momente ist dann die Rede, schon bald aber wieder Katastrophen. Der Verlust, Otto, kein Vertrauen, Otto, wirklich, ganz schwierig. Sie reden alle über alles. Und wieder viel eingesteckt. Wie das so ist, viel kriegt man halt ab, aber Hallo. Gleich wieder retour. Sonst geht das nicht gut. 

Unser Kaffee ist heiß, etwas Marmelade und ganz eisige Kälte draußen. Die Kräuter, die waren Conzuelas Meinung dran schuld. Sie hatte dran gerochen. Und sie sind nicht gut, wenn sie von ihr kommen.

2009 – Mein XY-XL-Leben in Gräfelfing

Ja, meine erste Einzelhandelsrechnung in diesem Jahr beläuft sich auf exakt 14,32 Euro. Kartoffeln esse ich morgen die letzten sechs aus 2008. Conzuela hatte vor Weihnachten noch Kaffee geschickt. Also brauchte ich nicht allzuviel: ein Brot vom Vortag für 60 Cent, 250 gr. Butter, ein 5er Pack Zigarillos, vier Bananen, zwei Grapefruit, 1 Tafel dunkle Schokolade, 1 Pack Sprossen-Glücksmischung: Alfalfa, Mungo, Linsen, Azuki, Radies. Sechs Eier, eine Flasche Mineralwassser und Apfelsaft. Bestens; fast hätte ich die Zwiebeln vergessen.

So, die besinnliche Zeit ist morgen vorbei, da wage ich wieder die ersten Sätze zu sprechen. Vorsichtig allerdings zunächst. Ich habe mir ein paar Worte zurecht gelegt. Liebenswürdige, heitere Worte. Es geht mir gut, denn ich habe zum Mittag Kartoffeln gekocht und tiefgefrorenes Gemüse erhitzt. Zur Feier des Tages zwei Zwiebeln noch hinzu. Und ich höre in diesem Moment so verliebte Musik von Pink Martini. Das dürfte jedem klar sein, diese Seite meines bewegten Gemütes habe ich nie verschwiegen. Ich müßte mich nicht wundern, wenn ich 2009 gerade der zarten Seite meines Lebens nicht etwas mehr Freifläche, Spielraum ermöglichen würde. Warum nicht. Heute morgen war es so kalt in der Wohnung, daß selbst die Kerzen ausgegangen sind. Ich wollte es etwas heimlig haben. Ein Licht anzünden. Keine Frage, ich habs dann gepackt, es wurde dann sogar noch richtig schön.

Mein Kamillenblüteneiskuchen

Mein Kamillenblüteneiskuchen