Archiv für März 2009

Eine Entschuldigung

Ich habe mich wieder beruhigt. Aber dieser James Bond – ich verstehe nicht, wie man sich solche Geschichten gerade ausdenken kann. Ich erinnere mich, wie er auf der Flucht aus einem Schloß plötzlich an einer Leine zieht, einen Helm auf dem Kopf, und er, den Schüssen seiner Verfolger entkommend, hoch hinaus in die Luft fliegt. Dann aber punktgenau an einem bereitgestellten Wagen landet, wo eine Frau auf ihn wartet und es dann zu einer wilden Verfolgungsjagd kommt, er aber weiter in diesem völlig demolierten Auto von Ankara  bis nach Monte Carlo brettert, während seine Widersacher mit Pistolen, Gewehren und Kanonen den gesamten Erdball sprengen. James, James Bond, steigt unbeschadet aus und macht schon Miss Moneypenny haltlose Komplimente, und Dr. No hockt in seinem Unterwasserdomizil, züchtet Raubtierfische und krault einer weißen Katze das weichduftende Fell. Das paßt einfach nicht zusammen. Auch, zugegeben ein glücklicher Umstand für Bond, James Bond, als er gefesselt auf einem Tisch liegt, er durch einen Laserstrahl halbiert werden soll, was aber wieder nicht gelingt, so wenig, wie der Gnom mit der Mistforke, weil von seinem Boss zurückgepfiffen, als er Bond den Dreizack applizieren will für den Gyros-Grill. Dann aber, und das muß man sich vorstellen, er eine ganze Kung Fu Niederlassung aufhält, aber das wohl aber ehrlicherweise doch nur, weil ihm zwei junge Frauen zu Hilfe eilen, schon ja, das ist glaubwürdig, weil die schlicht viel gelenkiger sind, als der hüftsteife, immer lässig dahinquatschende Bond, James Bond, der nicht im Ansatz auch nur das Format von Signore Tasso Golddachs Dorato besitzt, diesem aufrichtigen Mann der Silberspitzbewegung.

 
Seit ich des Suchens müde ward, erlernte ich das Finden.
Seit mir ein Wind hielt Widerpart, segle ich mit allen Winden.

 Nietzsche

Ein Aufschneider und Angeber

Also habe ich mir gestern im Bayerischen Fernsehen diese Dokumentarfilme angesehen. Alles ist unglaubwürdig, nichts erscheint mir wahr, nicht nur auch einen Deut. Diese Verfolgungsjagden durch orientalische Basare, auch diese erotischen Details mit russischen Agentinnen, das alles ist doch erstunken und erlogen. Nie sieht man ihn eine Buchseite umschlagen, noch studieren, aber er kennt sich aus mit atomarer Technik, der Wirkweise von Giften und den Strömen des atlantischen Ozeans. Wer soll das widerspruchslos hinnehmen, wenn er sich mit einem Dutzend abgedrehter Unterweltsbanausen ein paar üble Faustkämpfe liefert und zwei halbe Stunden später Miss Octopussy ein Schäferstündchen offeriert, dann aber im Galopp den Ganoven Zoran, der der dümmste aller Gauner und Bankrotteure ist – nee komm, vergiß es, als er dann noch kunstfertig am Dach eines fahrenden Zuges hängend den krummnasigen Messerstecher aus dem Zirkus rasiert, während er im nächsten Augenblick in weißem Sacko und schwarzer Fliege am glitzernden Pool der biestigen Miss Stacey Sutton den Hof macht, um dann doch im Bett der unattraktiven May Day zu landen. Dieser Mann ist unehrlicher als alle korrupten Politiker und Bankiers zusammen. Ein Aufschneider aus Wattenscheid.

„Mein Name ist Bond. James Bond.“

„Du bist ein Angeber, du Arsch.“

Aber es gibt, Gottseidank, noch ein paar ganz ehrliche Leute. 

Warten auf Antwort

Also bin ich jeden Morgen um 6.30 Uhr hoch. Ich schlappe zunächst hin und her, während das Wasser im Kessel auf dem Gasherd Temperatur annimmt. Today It’s Teatime, weil mir trotz meiner allmählich abklingenden Erkältung noch immer kein Kaffee richtig schmecken will. Ich niese, und das muß man sich bewußt machen, die Luft wird mit einer Geschwindigkeit von bis zu 180 km/h aus der Nase ausgestoßen. Fast hätte es mich heute morgen aus meinem Mushroom herausgeschleudert. Mein Oberkörper fiel nach vorne und gleich wieder zurück. Drei Tempotücher und die Nase ist halbwegs frei. Da die Zimmerwände nicht sehr dick sind, höre ich meine Nachbarin ebenfalls niesen. Sie niest wie ein kleiner Hund ganz kurz bellt. Sie niest dreimal und stöhnt danach leise auf.

Ich trinke meinen schwarzen Tee, ein wenig Milch, ein wenig Rohrzucker, sitze in meinem Mushroom und drehe den Knopf des kleinen Tivoli Radios auf ON. Ich habe die Hoffnung, daß die Nachrichtenredaktionen etwas über das Auftauchen meines Freundes Golddachs bringen. Auf meinem kleinen Tischchen steht der dampfende Tee, gelegentlich schleudere ich durch einen kräftigen Niesanfall aus meiner Sitzpostion heraus, das ist dann der Moment, wo ich den Einstellknopf weiterdrehe und mit spitzen Ohren einen Sender suche. Gelegentlich spielt jemand ein Instrument, singt ein Mann oder eine Frau, und wenn mich das Lied berührt, reguliere ich die Lautstärke etwas nach Richtung max. und versuche leise die Melodie mitzusummen. Manchmal klingt es schön, wenn ich improvisiere, aber das eben auch nur für mich. Nicht für meine Nachbarin, die vier fünf mal wie ein kleiner Hund niest.

Ich sitze bis um zwölf am Mittag am Radio und bin dann eigentlich ganz gut auf dem Laufenden, was sich an den verschiedenen Orten in der Welt ereignet hat. Ich notiere mir die Börsenkurse und führe eine Statistik, was den Temperaturverlauf angeht, und stelle  leichte Schwankungen oder große Abweichungen zu anderen Perioden fest. Die Wirtschaftsdaten zeichnen ein angeblich düsteres Bild. Auf der Autobahn A9 Richtung München, Ausfahrt 67 Allershausen, hat sich ein sieben Kilometer langer Stau gebildet: „Vorsicht, stockender Verkehr“, sagt der Mann aus der Verkehrsredaktion mit sonorer Stimme. Ich höre immer UKW. Wenn ich sage: „Bitte mach mal UKW.“ Dann hat das allein den Grund, weil ich von Anfang an immer nur UKW gehört habe. Von Anfang an heißt, damals gab es noch die Isetta. Die wurde dann verboten, weil jemand auf dem Marktplatz drüber gestolpert ist. Da war das schon mit UKW.

So sind die Tage

Survival-KitDieses ganze Durcheinander, dieses Ehedrama, mein Gott, es sind doch erwachsene Menschen. Golddachs muß den Verstand verloren haben. Mitunter raubt mir der Gedanke an den wan-dernden Unglücklichen die Nachtruhe. Auch das er keine Nachricht schickt. Wenn nur die Recklinghausen ihm verzeihen kann. Insgesamt blickt man nicht durch. Dem Himmel sei dank, daß Schöner-Fuß mir aus Indien eine kleine Packung Zigaretten, Tee,  ein Stück Seife und zehn Rupien geschickt hat. Damit ist die Woche gerettet.

Wieder zurück

Was Golddachs angerichtet hat, das ist nicht gut. Ich habe die Angelegenheit der örtlichen Polizei gemeldet. Mehr kann ich nicht tun. Deshalb bin ich wieder zurück nach Gräfelfing. Während Schöner-Fuß die lang geplante Reise nach Indien angetreten hat. Ich muß mich wieder meinen musikalischen Studien widmen. Mehr kann ich nicht tun. Am Abend lag ich vor dem Fernseher Traum meines Lebens. Venedig 1955. Die unvergeßliche Katharine Hepburn. Und ich mußte ein wenig schlucken. Gott, diese Frau, in diesen Kleidern, so elegant, wie man heute nur selten eine Frau trifft. Da verliebt sie sich in den Antiquitätenhändler Renato, er im grauen Anzug. Ist dann aber so, daß sie wieder nach Amerika zurückkehrt. Weil sie nicht will, daß er sie verläßt, und weil sie ihn dann hassen würde. Ich freue mich schon auf den Frühling, das auch ich wieder in meinen grauen Anzug schlüpfen kann, frisch rasiert und meiner Schöner-Fuß den Hof machen kann. Als Polarbär gebe ich da eine unglückliche Figur. Ich weiß nicht, wie Venedig heute aussieht. Als Jugendlicher war ich einmal dort. Aber diese alten Bilder sind einfach umwerfend. Die Liebe, Liebe in Venedig. Ja, ich bin reichlich sentimental. Mittlerweile hat sich die Mode ja verändert. Die meisten Leute rennen furchtbar herum.

Optimale Frühsjahrsstiefel

Optimale Frühjahrsstiefel

In so öseligen Sportschuhen, Joggingschuhen, grauenhaft. Klumpige Dinger, schmutzig oder bunt, so bunt wie die Outdoor-Jacken aus Polyutheran und bepackt mit Hochgebirgs-Adventure-Rucksäcken, das will man nicht glauben, aber es ist so. Die letztjährigen Frühjahrs- und Sommermoden haben mich nicht überzeugt. Zuviel nacktes Männerbein, leider auch jugendlich weiblicher Hüftspeck und merkwürdige Frisuren. Ich darf nicht drüber nachdenken.

Eine erste Spur von Golddachs

Doch, gesehen hat man ihn. Aber man hielt ihn für einen Verrückten. Er habe abgerissen ausgeschaut, eigentlich kein Mensch sei er gewesen. Ein Haufen Elend, ja, stellt man sich einen Haufen Elend vor, dann träfe diese Bezeichnung auf dieses stinkende angetrunkene Etwas zu. Er habe um die Ecken gekuckt, ein Rucksack auf den Schultern,  ein dicker Schlafsack obenauf, ein klappriges Fahrrad, an dem die Stofftaschen baumelten. Gelegentlich setzte er sich nieder, in das Häuschen einer Bushaltestelle.

Ich bin auf der Suche nach meinem Freund bei Schöner-Fuß aufgetaucht. Sie selbst war bereits unterrichtet: die Recklingshausen sei fort, Golddachs unterwegs. Was war passiert? Der seinerzeit wegen eines Verkehrsdelikts im Gefängnis einsitzende Klatschjournalist Deschön war wieder auf freiem Fuß. Er war gealtert, nichts zuletzt hatte er sich anfixen lassen und sann nun auf Rache. Er war mittellos. Sein verkokstes Gehirn gab Golddachs die Schuld an seinem Niedergang. Und so schrieb er dem Edelsten einen anonymen Brief, die Recklinghausen habe im besten Alter im Cafe Hemdhoch als Animierdame und später auch als Hosteß und Prostituierte den aus der Schweiz herüberpendelnden Kerlen ihre Dienste angeboten. „Sie ist eine Edelhure, die bis weit ins Schweizer Alpenland und in Zürich Gesprächsstoff gewesen ist.“

Golddachs, der dumme Kerl, erschüttert und verunsichert, legte der Recklinghausen das Schriftstück vor, und als er ein zweites mal nachhakte, ob an der Geschichte was dran sei, war sein Stern in der Nacht verschwunden. Folgenschwer griff er zwei Tage später zu einem Gläschen Hochprozentigen im Gasthaus Hirschen, habe in seinem Jammer dann die ganze Flasche in einem Zug geleert und sein Anwesen in einer bitterkalten Nacht den Flammen übergeben. Derweil hatte man Deschön wieder eingebuchtet, denn man fand Reste eines verbotenen Mittels auf dem Stück Papier und auch seine Fingerabdrücke.

Dann taucht er in einer Bäckerei in Bad Säckingen auf, wo er einen Kaffee und zwei Mohnbrötchen zu sich nahm. Für seine Recklinghausen aber noch zwei Stück Backwaren bezahlt. Die leere Tüte fand man am Grenzübergang Rheinfelden, von dort habe er in Richtung Mumpf sein Fahrrad geschoben.

Wer weiß, wo Golddachs oder die Recklinghausen sich aufhält?

Wer weiß, wo Golddachs oder die Recklinghausen sich aufhält?

Tiefer in die Blaue Nacht hinein

Immer tiefer in die Blaue Nacht
Immer tiefer in die Blaue Nacht

Später mehr

Also bin ich wieder los, zu Fuß und weiß doch nicht wohin. Der unglückliche Golddachs hatte sich unvorsichtig gegen seine Recklinghausen geäußert und nun ist sie seit einer Woche nicht wieder aufgetaucht. Unterwegs, hieß es, sei er. Auf der Suche nach seiner Karin Recklinghausen. Golddachs, und das sind die Hinweise aus seiner näheren Nachbarschaft, er sei eines Morgens mit Tränen in den Augen aufgebrochen, sie um Verzeihung zu bitten.

„Ich werde sie suchen, ich werde sie finden.“

Mit diesen Worten ist er in die verschneite Landschaft des Black Wood Forest. Mit schwerem Schritt und vielen Selbstvorwürfen sah man ihn mal hier, mal dort. Der Wirt des Gasthofes Hirschen hatte den frierenden Mann mit einer wärmenden Rindfleischbrühe zu beruhigen versucht, aber er sei in der Nacht wieder aufgebrochen, ruhelos und voller Angst.

Also bin ich wieder los, die Recklinghausen und Golddachs einsammeln. Nur, welche Richtung hat der Edelmann eingeschlagen? Wo steckt die Recklinghausen? Später mehr.

In welche Richtung ist Golddachs

In welche Richtung ist Golddachs

Einer der drei Musketiere

Is’ man nicht so recht in topform, Schluckbeschwerden, dicke Augen, insgesamt so Matsch, dann tu ich mich zumindest schwer, elegant und charmant meiner Umwelt hinreichend Komplimente zu machen. Ich hock dann ganz krumm auf dem Teppich, eine Wolldecke um die Schultern, trinke vom Feinsten, nämlich Kamillentee und dufte nach Pinimenthol. Meist schleppt sich so ein Tag 24 Stunden dahin, mit gelegentlichen Ruhepausen. Ich schlafe dann gegen Mittag ein und liege dafür aber in der Nacht bis in die Puppen wach. Unterm Strich bin ich weniger anspruchsvoll.  Beim Zappen durchs Fernsehprogramm war ich dann beim ZDF gelandet, wo ich ganz überrascht war von einer Dame, Uschi Blum, die aber wiederum Hape Kerkeling ist. Und das gefällt mir alles sehr gut, was Hape Kerkeling auf der Bühne macht. Er ist ein genialer Komiker und ein wunderbarer Unterhalter.

Ich kriegte dann im Fieber halb spitz, daß ich bei Wetten, daß… gelandet war,  wo aber nun nicht mehr Thomas Gottschalk durch den Abend führte, sondern einer der drei Musketiere, D’Artagnan. Als dann ein Wettkandidat in einen Fußballschuh biß, stöpselte ich weiter. Der beste Fußballschuh, der jemals existierte war der Adidas La Plata. Ein ganz weiches Leder, Spitze Hacke Tor. Am heutigen Mittag habe ich einen kleinen Spaziergang gewagt, hin zum Zeitungsständer, und aus einer Sonntagszeitung erfuhr ich, das der Tennis- und Pokerexperte Boris Becker in dieser Sendung seiner Lilly einen Heiratsantrag gemacht hat. Was sich bis heute Abend noch ereignen wird, das wird sich zeigen. Ich hock mich jetzt auf den Teppich, die Wolldecke über die Schultern. Ich werde mit allem rechnen, auch mit dem Schönen.

seneca

Endlich Sonne

Polarbär, mein Name

In den letzten Wochen antwortete ich immer auf die Frage nach meinem Namen an der Lebensmittelkasse: „Polarbär.“ Ich besitze für unseren Bio-Markt eine Kundenkarte, da gibts drei Prozent auf die Einkaufssumme Rabatt. Is klar, der ist natürlich schon längst in die Kalkulation geflossen. Liegt mein Kärtchen zuhause, sage ich meinen Namen, Polarbär, okay. Manchmal sorge ich mit meinen Einfällen für ein wenig bessere Laune, manchmal aber ernte ich ein unausgesprochenes: „Mein Gott, wie witzig. Schleich dich.“

Ich trage gegen diese menschenverachtende Kälte zwei paar Strümpfe, lange sexy Unterhosen, eine ziemlich uncoole dicke Cordhose, Unter- und Oberhemd, zwei wollene Pullover, Mütze Schal Handschuhe, wadenlangen Mantel und fellgefütterte Stiefel. Eigentlich kann man sich nicht mehr bewegen, ich gehe gebeugt, hebe gelegentlich die Schultern und setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ich fühle mich vollständig unbeweglich, und sicherlich hinkt der Vergleich, aber ich denke mir, ein Polarbär.

Der Bio-Markt liegt am nächsten, für den Tengelmann muß ich noch eine Viertelstunde laufen. (Es könnte vielleicht auch heißen, zum Tengelmann müßte ich noch eine Viertelstunde laufen, ich experimentiere heute mit der Sprache, das gibt mir wieder Mut.)  Also habe ich mir gestern im Bio-Laden, weil ich einfach auch ein wenig angekränkelt bin, ein Stück grobe Leberwurst gekauft, die gibt nach 80 Jahren Kraft. Da gab es grad ein Brot mit von – und es schmeckte wie Zitroneneis, wie Gelato al Limon, an diesem sonnigen Sonntagmorgen. Noch ein wenig geschwächt und deshalb zur Revitalisierung noch ein Glas Apfelschorle, Kaffee dagegen is’  heut nicht mein Ding. Auch nicht viele Worte. Die dunkle Vivani-Schokolade, von der ich so gerne zwischendurch mal ein Stück langsam auf der Zunge zergehen lasse, die über Jahre 99 Cent gekostet hat, kostet ab sofort 159 Cent Minus 3 Prozent auch für Polarbären. Die Krise ist jetzt überall, und ich werde mir die Schokolade etwas besser einteilen.