Ein Geheimnis wird gelüftet
Das Tagebuch ist das geheimste aller Geheimnisse. Was darin niederge-schrieben wird, das geht niemand und die ganze Welt nichts an. Da herrscht ein stilles Abkommen zwischen dem Tagebuchschreiber, dem Schreibgerät und dem Notizbuch. Es findet seinen festen Platz im Leben und wartet an einem sicheren Ort. Gott bewahre, möge es jemand finden.
Und wem das Festhalten der Tagesereignisse, die Niederschrift der Gefühle und Gedanken zu einer wertvollen Hilfe geworden ist, der schafft sich nicht selten ein Ritual. Da hat man sich an einem grauen Montagmorgen einen besonderen Füllfederhalter zugelegt, einen Kolbenfüller, ein Tintenfaß. Die ew’ge Freundschaft wird versprochen. Dann muß es ein gutes Papier sein, ein Notizbuch, das was aushält. Es muß robust sein und stark die Seiten – wer weiß, vielleicht Menschheitsfragen; die Stromnebenkosten, das Haushaltsgeld, die Monatsrechnung. “Warum am Ende des Geldes noch soviel Monat”, notiert man kopfschüttelnd bei einer starken Tasse Kaffee.
Schreibt man mit hastiger Hand, im Geiste aufgebracht; mit leichter Feder, beschwingt und voller Glück; müde und abgearbeitet, mit Grippe und schmerzenden Knochen. Das Tagebuch weiß das. Liest man darin, tauchen die vergangenen Ereignisse nochmals auf; entstehen Bilder, als blättere man in einem Fotoalbum; bekommen Gesichter Konturen, die schon lange vergessen. Ein Tagebuch zu führen, ist ein Abenteuer durch das eigene Leben. Ob das nun langweilig ist oder aufregend, traurig oder heiter, erfolgreich oder voller Niederlagen, das steht alles in diesem geduldigen Notizbuch. Der Himmel beschütze mich, sollte es jemand finden.

1 Antwort zu „Mein Notizbuch für alle Tage“