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Septembermelancholie

Gut, ja, ich ticke im Moment einfach anders. Das Sortieren der Penis-Früchte, das Abwiegen, das Befüllen der Stoffbeutelchen, die Rechnungsstellung, das Ausfertigen der Frachtpapiere für die Spedition,  das Kochen des Mittagessens für die Feldarbeiter, die Auszahlung der Löhne, alles, alles muß ja bewältigt werden. Und Conzuela stand plötzlich in der Tür und fragte:

„Du liebst jemand anderen, einen Mann!“

„Wie kommst du darauf? Red keinen Quatsch, komm, fahr das Abendbrot auf.“

Sie sagte kein Wort. Für 20 Euro hatte sie dicke Bohnen, Oliven, Ziegenkäse, Shrimps und eingelegte Schampingjongs eingekauft. Stumm wandte sie sich ab. Ich stand noch am Bügeltisch mit dem heißen Plätteisen. Gott, ja, ich war in dem Moment wieder Bauarbeiter, alles mußte schnell gehen, bevor der Zement hart würde.

„Was ist?“

„Wie sprichst du denn mit mir?“

„Ja, wie denn? Was denn?“

„Ich will von dir wissen, ob du einen Mann liebst? Du hörst den ganzen Tag diesen Aznavour-Song. Weißt du, daß das ein Schwulen-Song ist?“

„Ja sicher weiß ich das. Was ist daran so schlimm.“

„Hörmal, du kommst spät in der Nacht nach Hause. Hörst dich am Morgen vollkommen versoffen an. Was soll ich da denken? Dann schnauzt du mich an, als seien wir ein altes Ehepaar.“

„Hörmal“, schrie ich, „was soll das. Mir ist das doch egal, wer was mit wem am Hut hat. Ich habe den ganzen Tag, genau wie du, noch nichts richtiges gegessen. Ich will mit dir jetzt was futtern.“

„Und was ist mit deiner Liebschaft. Wie heißt er?“

„Ja, spinnst du jetzt. Der Aznavour singt das einfach gut. Der ist unglaublich präsent. Heute tanzen sie alle wie bekloppt auf der Bühne rum, so was Blödes. Schau mal was er da macht. Das ist doch gut. Warum soll er kein Lied für die Schwulen singen, hm?  Das hat doch nix mit mir zu tun. Ich finde die Schwulen etwas merkwürdig, wenn sie Pink Christmas auf der Straße feiern. Das ist albern. Der Aznavour singt doch einfach ein gutes Lied, ich finde ihn ehrlich.“

„Aber was fährst du mich an?“

„Ich fahr dich nicht an“, geriet ich aus der Fassung, „ich liebe dich.“

Als es klingelte

Kurz vor 16 Uhr klingelte es. Ich sprang vom Stuhl hoch und dachte: „Sie.“

Ich lief ungeduldig zuerst zwei drei Schritte in der Wohnung umher.  Aufräumen, dachte ich in dem Moment sofort, und legte den Pullover und die Hose vom Bett auf den Sessel zu den frisch gewaschenen Unterhemden, Boxershorts und den Socken. Auf dem Schreibtisch stapelt sich Post, das Papier mit den unverkäuflichen Geschichten. Im Flur liegen die Schuhe verstreut neben den seit Wochen ungelesen sich stapelnden Zeitungen. Seit sie im Sommer die Segel gestrichen hat, bin ich immer häufiger krank, meine Depression nagelt mich an die Wand, die tägliche Rasur muß nicht sein, ich hätte mich seit dieser Zeit gar nicht rasieren brauchen, denn geküßt, geliebt und gestritten und vertragen hatte ich mich seit Sommer 2007 auch mit niemandem mehr. Ich versuche irgendwie klar zu kommen. Aber das will mir nicht gelingen. Ich bin verstört, aber ich dusche täglich, trage frische Kleidung und gehe ansonsten am Stock. Mit schmerzt der Kopf, der Nacken, der Arsch und die Knie. Ich werde jetzt alt, aber mein Herz ist so jung und so blöd und lebendig wie in den besten Zeiten. Wäre ich nicht ein Feigling, dann würde ich mir einen Stein um den Hals hängen und in die Isar springen. Aber vermutlich würde ich an einem Fisch ersticken. Das wäre entsetzlich, an irgendeiner Gräte im Hals.

Ich drückte den Türöffner. Aber jemand im Haus hatte bereits die Haustür geöffnet. Ich schloß die Wohnungstür, legte den Pullover und die Hose wieder aufs Bett. Es klingelte kurze Zeit wieder.

„Wir sind vom Unfallhilfsdienst.“

Ich sagte ihnen, wenn mich jemand retten kann, dann sie, mit ihren Küssen, mit ihren langen Beinen und ihrem frechen Mundwerk. Dann sei es sie, mit ihrer Zärtlichkeit und ihrer fantastischen Erotik. Ich will nicht, das mich der Unfalldienst rettet, wenn mir irgendwann mal die Luft ausgeht. Aber sie kommt nicht, sie, die mir ihre zarte Hand auf meine fiebrige Stirn legt, und ich schließe die Augen, sie legt ihren Kopf auf meine magere Brust, ihr Haar ist weich, und ich beginne zu schluchzen, und ich spüre ihre Hand auf meinem Bauch und es ist gut, nichts als den Schmerz zu fühlen, der sich durch meine ganze Einsamkeit zieht, und sie und sie und sie.

Landung und Abflug von der Venus

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Unsere Ankunft auf der Venus um 1 Minute nach Mitternacht, sie war nicht angekündigt. Fahrplanmäßig waren wir nicht erfaßt. Giovanni grauste so sehr, daß er es mal wieder mit richtigen Frauen zu tun bekommen würde, daß sich sein Zittern und Klappern bei der Landung auf den Liebesstern übertrug. Die Venus bebte.

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Vorab hatten wir über Kabel W-LAN 104 Khz drei Damen geordert. Drei Damen in sternklarer Nacht. Giovanni schrie entsetzt auf, als das Terzett Condo uns in Empfang nahm. Die Preistafel mit den angebotenen Diensten versetzte ihn in einen hysterischen Ausbruch.

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Bevor wir weiter sind, den Liebesdiensten entsagt, steuerten wir auf eine Versorgungsstation zu. Giovanni im Schoko-Schock.

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Nachher war ihm etwas Elend. Schoki und kleine getrocknete Hartwürste und Kartoffelreste, alles durcheinander. Er brüllte vor Magenschmerz, zuckte am ganzen Leib, die Nerven, auch das vegetative System schien zu versagen. Sekunden später rauschte eins dieser modernen, hell erleuchtete Raumschiffe mit den neusten Weltraummobilmodellen an uns vorüber. In dem Moment schlief Giovanni endlich ein.

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Wie kriegen wir das Ding geschaukelt

„Natürlich, natürlich.“

Und mit lautem Knall fiel die Tür ins Schloß zu Giovannis Weltraumkajüte. Er ist halb wahnsinnig, denn er ist Italiener. Das heißt, er trinkt gerne mal einen Espresso.

„Ich werfe mich dem nächsten weiblichen Engel vor die Füsse und bitte ihn: ‘Schlaf mit mir.’ Mein Leben als Herausgeber, Schriftsteller, Liegewagenschaffner und Liebhaber ist gescheitert. Was soll das alles? Der Sinn des Lebens, aber bitte im Detail. Keinen groben Unfug. Und keine Allgemeinplätze. Sondern konkret.“

giovanni.jpg„Wir werden ihm einen Arzt suchen müssen. Seine Teemischungen und sein Schaffen beflügeln ihn mehr, als sie beruhigen. Selbst das Fläschchen Lohse Uralt-Lavendel scheint kontraproduktiv. Die Verzweifelung ist ihm direkt ins Gesicht geschrieben. Er sieht einfach nicht mehr gut aus. Versteinert, unnatürlich, mitgenommen. Selbst seine Ohren kringeln sich bereits.“

 

 

Der Herausgeber Giovanni Impermeabile

 

Oben rechts und links

„Ja, wo sitzt er denn nun, der Weltschmerz?“

„Oben, rechts und links, im Nacken.“

„Gott, ja.“

„Oh, ja. Himmel, ja.“